Wenn der Wind zum Sturm wird

von Marie Grünter

Können alternative Schulformen die Probleme unseres Bildungssystems vollständig beseitigen?

Der Wind schien am zweiten Tag des Sommercamps 2008 der Grünen Jugend Rheinland-Pfalz der gleichen Meinung zu sein wie die TeilnehmerInnen am Workshop „Alternative Schulformen“: Er versuchte die zahlreichen Schulalltagsprobleme – fleißig auf kleinen Zetteln zusammengetragen – kurzerhand mit einem Luftstoß vom sonnigen Loreley-Felsen verschwinden zu lassen. Sei es nun die rechtlich schon fast an den Boden gedrückte SV oder beschränkte Auswahlmöglichkeiten der SchülerInnen in der Fächerwahl: Wäre es nicht schön, dies alles beinahe im Vorbeigehen mit einem einzigen Lufthauch gelöst zu wissen? Die Referentin Alisa Siegrist von der LandesschülerInnenvertretung RLP hatte hier durchaus ihre persönliche frische Brise parat: Das Sudbury School System.

 

Da diese Schulform, benannt nach der „Mutterschule“ in den USA, rein auf demokratischen Prinzipien aufbaut, werden SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern an allen Entscheidungen der Schule gleichberechtigt beteiligt. Alle „MitarbeiterInnen“ entscheiden so in den wöchentlich stattfindenden Vollversammlungen beispielsweise gemeinsam über die Einstellung einer neuen Lehrperson, Gelderverwaltung oder Sanktionierung von Verstößen gegen die Schulordnung. So werden Kinder und Jugendliche nicht nur früh an demokratische Prinzipien herangeführt – sie lernen auch, mehr Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Das Sudbury-Prinzip hat aber noch einen weiteren entscheidenden Vorteil: JedeR SchülerIn entscheidet selbst, was er oder sie wann, wo und wie lange lernt. Während sich deutsche Jugendliche mit Frontalunterricht in seltsamen Unterrichtseinheiten von 45 Minuten ab der dem Biorhythmus vieler SchülerInnen entgegenwirkenden Zeit von acht Uhr früh herumquälen müssen, kann sich der Sudbury-Jugendliche seine Zeit selbst einteilen und so ganz nach seinem eigenen Tempo vorgehen. Dabei kommt es zu Anfang nicht selten vor, dass NeueinsteigerInnen die Zeit erst einmal für Freizeitbeschäftigungen und Nichtstun nutzen. Dem Argument der Zeitverschwendung vieler GegnerInnen wird zumeist damit begegnet, dass Kinder von Natur aus neugierig seien und lernen wollten, wenn sie merkten, dass es ihnen nütze. Dies beginne bereits mit den ersten gesprochenen Wörtern, die den Ausdruck von Wünschen erheblich erleichterten. Und so fange auch der chillende Jugendliche irgendwann ganz von selbst an, den Sinn seines Lebens zu suchen und durch die vollkommene Freiheit ganz von alleine zu finden. Dies mag vielleicht Zeit in Anspruch nehmen – Verschwendung sei es allerdings nicht, denn wer seine Interessen erkannt habe, wisse auch im späteren Leben, wonach er/sie suchen müsse. Wenn von dieser Neugier-Basis, also der intrinsischen Motivation, jedes Menschen ausgegangen wird, löst sich auch das Problem der fehlenden Allgemeinbildung auf, das beim spezifischen Lernen nach Interessensschwerpunkten entstehen könnte – denn die Themen, die sie selbst für wichtig erachten, beschränken SchülerInnen nicht nur auf ein kleines Gebiet, sondern beziehen es auf alles, was in ihrem direkten Umfeld passiert. Haben wir hier also die Ideallösung für eine Reformation unseres Schulsystems gefunden? Würden SchülerInnen nicht viel mehr lernen, käme die Motivation nur aus ihrem Inneren?

Auf dem Campingplatz auf der Loreley regte sich langsam leiser Gegenwind zur absoluten Selbstbestimmung der Lernenden im Schulwesen. Zwar ist keinesfalls zu bestreiten, dass intrinsiche Motivation den größten Lerneffekt erzielt – und auch nicht, dass unsere Schullandschaft stark verbesserungswürdig ist – aber wäre es wirklich für alle SchülerInnen so vorteilhaft, wenn sie keinerlei Leitfäden von erfahrenen Personen bekommen würden? Wenn diese lediglich beratende Informationen bei auftretenden Fragen hätten? Ging es nicht jedem/jeder von uns schon einmal so, dass er/sie erst durch Noten und Zeittermine voran kam, selbst wenn ihn oder sie das Thema interessierte? Sind es nicht oftmals die Dinge, die man/frau überhaupt nicht erledigen möchte, die dann letztendlich der entscheidende Anstoß sind – und für deren Findung der Mensch allein oftmals dann eben doch viel länger braucht, als wenn er ein wenig unter Zugzwang steht? Es gibt Menschen, die in der Lage sind, den „inneren Schweinehund“ sehr gut zu überwinden, für die ist das Sudbury-Prinzip die Ideallösung schlechthin. Aber es gibt auch andere Menschen. Menschen, die als Jugendliche vielleicht mit vollkommener Freiheit überfordert werden. Oder mit dem Zuviel an Verantwortung. Menschen, die sich erst im Erwachsenenalter soweit entwickelt haben, dass sie Verantwortung ohne Stress übernehmen können, die sich in unserem konventionellen System viel besser entwickeln würden – außer vielleicht, wenn unser gesamtes Gesellschaftssystem auf den Kopf gestellt würde. Sollten diese Menschen etwa durch ein einseitig nach Sudbury aufgebautes System benachteiligt werden?

Vielleicht liegt die Ideallösung tatsächlich in der Mitte – dem Ausgleich zwischen den beiden Meinungen, gewissermaßen der Windstille. Eins jedenfalls steht fest: Ob die Fähigkeit des vollkommen selbstständigen Arbeitens anerzogen ist oder einfach zur Natur mancher Menschen gehört, hätte sicherlich noch Stunden weiter diskutiert werden können. Doch der endgültige Beweis, was nun besser funktioniert – der kann wohl nur durch Ausprobieren erlangt werden. Und in dieser Hinsicht können wir wohl für alle kommenden SchülerInnengenerationen nur hoffen, dass sich sehr bald ein Sturm des Reformwillens über das schulpolitische Deutschland bewegen wird.

Marie Grünter (17) öffnet auch in ihrer Bildungsanstalt gerne einmal unter allgemeinem Protest die Fenster zum Stoßlüften.