Freitag, 18. Januar. Es ist schweinekalt, windig und verschneit. Nur vereinzelt sieht man Menschen an den Bahngleisen des Koblenzer Hauptbahnhofs. Bis auf ein paar frühzeitige Karnevals-Jeckinnen und -Jecken scheint der Bahnhof nahezu leergefegt zu sein. Die Leute bleiben schließlich lieber drinnen im Warmen als an den zugigen Bahnsteigen auf verspätete Züge zu warten.

Amüsiert über die verfrüht verkleideten Leute, steigen schließlich ein paar weitere Koblenzer*Innen in den Regionalexpress nach Frankfurt. Es ist ein Uhr mittags.

Tatsächlich steigen in Mainz noch weitere Leute ein, die sich als Schweine, Hühner, Kühe, Erbsen oder Maiskolben verkleidet haben. Es werden immer mehr: zehn, zwanzig, dreißig! Und dann kommt auch noch ein Reporter mit Kamera und Mikrofon hinterher. Verdutzt und gleichzeitig verwirrt betrachten die Fahrgäste das bunte Chaos schnatternder Verkleideter. Dabei ist Rosenmontag doch erst im Februar?

Richtig, es sind schließlich auch keine Karnevalist*Innen, die am Koblenzer und Mainzer Bahnhof Aufsehen erregen.

Über dreißig junge Erwachsene aus Rheinland-Pfalz und Frankreich haben sich zusammen gefunden, um sich gemeinsam auf den langen Weg in Regionalzügen nach Berlin aufzumachen. Ziel soll die „Wir haben es satt!“ Demo am Hauptbahnhof sein. Doch bis dahin ist es noch ein zwölfstündiger Weg, der von vielfältigen Aktionen und Kundgebungen an den Bahnhöfen unterwegs geprägt sein soll.

Folglich staunen Bahnangestellte und neugierige Fahrgäste nicht schlecht, als sie hören, dass sich die jungen Erwachsenen der Tortur unterziehen, um Aufmerksamkeit zu erregen, ein Zeichen zu setzen und die Stimme laut werden zu lassen. Wofür?-Für die,
die sonst kaum jemand wahrnimmt: Gequälte Tiere in Mastställen, gepeinigte, genmanipulierte Pflanzen, verhungerte Menschen im Globalen Süden.

Was auf den ersten Blick nach einer Rundumschlagskritik klingt, hat Recht. Genau das soll es auch sein.

Durch die massenhafte Quälerei von hunderttausenden Tieren allein in Deutschland, werden tausende Hektar Ackerland benötigt, um die notwendige Menge an Viehfutter wie Soja erzeugen zu können, was dazu führt, dass der Regenwald in Süd- und Mittelamerika zunehmend abgeholzt wird, um von Großkonzernen mit einem monokulturellen Sojaanbau bewirtschaftet zu werden, weshalb Kleinbäuerinnen und Kleinbauern vor Ort enteignet werden und somit vor einer Existenzkrise stehen. Und das ist nur eine Perle in der langen Kette von globaler und lokaler sozial- ökologischer Ungerechtigkeit.

Natürlich ist es nicht einfach bzw. vermutlich gar nicht möglich, die gesamte Problematik durch Reden, Banner und Plakate darstellen zu können. Doch war die Demo eine Unternehmung, die aktuelle schwarz- gelbe Agrarpolitik der Bundesrepublik zu einer Kehrtwende bewegen zu können. So hofften alle Demonstrant*Innen sich durch ihre Anwesenheit Gehör bei den Regierenden verschaffen zu können. Leider brachte es vor erst nicht viel. Zeitgleich wurden im Rahmen der GRÜNEN WOCHE in Berlin wieder Milliarden Zuschüsse für Agrarwirtschaft alias Agrarindustrie und damit Massenproduktion- und Quälerei verabschiedet.

Allerdings ließen sich weder die dreißig aus Rheinland-Pfalz gestarteten Demonstrant*Innen noch die restlichen 20 000 Leute in Berlin entmutigen. „So lange, bis wir was erreicht haben!“ empörte sich Martin, Kleinbauer aus Brandenburg, voller Tatendrang und Zuversicht.

Es bleibt abzuwarten, ob die Stimmen der Bevölkerung irgendwann neben den Schreien der Tiere gehört werden.