Schwerpunkt
Wer langsam stirbt dem glaubt man nicht…

Vor 20 Jahren war die Botschaft klar: „Erst stirbt der Wald und dann der Mensch“. Es mag sein, dass die Diskussion in den 80er Jahren leicht übertrieben wurde – andererseits konnte man damals nicht abschätzen, wie sich die Situation der Bäume entwickeln würde. Heute hört sich alles nicht mehr so schlimm an: Wo früher noch von Waldsterben geredet wurde, erschienen zuerst Waldschadensberichte, heute nur noch Waldzustandsberichte.

Geht es unserem Wald also gut?
Rheinland-Pfalz ist eines der waldreichsten Bundesländer Deutschlands: 41% der Landesfläche sind mit Wald bedeckt. Wer sich im Wald aufhält, bemerkt nicht viel von dessen Krankheit- grüne Blätter, gute Luft… und wo stirbt der Wald dann? Wichtig ist, dass- glücklicherweise- der Wald ja nicht einfach flächenweise abstirbt und dann weg ist, sondern Nadel-, Blatt- und Feinwurzelverluste die Bäume schwächen, das sehen wir kaum. Kranke Bäume werden außerdem gefällt bevor sie absterben- damit ihr Holz noch genutzt werden kann. Der Wald sieht also gesund aus, obwohl er krank ist.

Dies stellt ein weiteres Problem für den Waldschutz dar: Die Sensibilisierung der Bevölkerung für dieses Thema ist schwer, weil der Wald eben „da ist“ und keine Anstalten macht, in der nächsten Zeit zu verschwinden. Die Folgen der Waldschäden werden erst in der ferneren Zukunft zu sehen sein- genauso kann man den Wald nicht mal eben wieder gesund machen, sondern muss längerfristig denken. Das heißt auch, etwas für den Wald zu tun, ohne sofort die Auswirkungen sehen zu können. Viele haben auch gar nicht realisiert, was der Wald alles für uns bedeutet: er ist nicht „nur“ Sauerstofflieferant, sondern speichert und reinigt auch das Grundwasser, filtert die Luft, dient als Klimaregulator, Erosionsschutz und Erholungsort.

Der Waldzustandsbericht 2003 zeigt, dass unser Wald alles andere als gesund ist. In Presse und Öffentlichkeit wird wenig darüber geredet, es wird kaum wahrgenommen, dass nur noch 26% der Bäume gesund sind. Der Anteil der deutlich geschädigten Waldfläche liegt bei 33% und 41% weisen leichte Schäden auf. Damit liegt Rheinland-Pfalz deutlich über dem deutschen Durchschnitt (21% deutliche Schäden, 35% gesund).

Die mit dem Wald verbundenen Probleme und begangenen Fehler sind tief in der Geschichte „verwurzelt“. Im 19. Jahrhundert wurden in weiten Teilen Deutschlands nur noch Fichten angebaut, weil diese am schnellsten wachsen und somit auch Holz liefern. So stehen heute Fichtenmonokulturen auf versäuerten Böden, weisen häufig Windbruchschäden auf, bieten keinen natürlichen Lebensraum für Tiere und breiten sich zudem immer weiter aus, weil es immer weniger Laubmischwälder gibt: zu viele Rehe fressen Gipfeltriebe und Blätter junger Laubbäume, zu viele Hirsche schälen ihnen im Winter die Rinde ab und beschädigen Bäume und Sträucher beim Fegen, dem Abstreifen der trockenen Basthaut des Geweihs.

Die eigentliche Ursache der „neuen Waldschäden“ ist aber der saure Regen. Die Luftverschmutzung durch Schwefeldioxid, Stickoxide, Ozon, Schwermetallstäube und andere Gifte bewirkt, dass die Feinwurzeln der Bäume absterben und sich im Stammesinneren ein fauliger Nasskern bildet. Die Blätter verdorren und fallen ab, Nadelbäume verlieren ihre älteren Nadeljahrgänge und sehen mit gelichtetem Laub wie mit Lametta behängt aus („Lamettasyndrom“), Laubbäume werfen ihr gelbes Laub schon im August ab, wenn die oft zu kleinen Blätter nicht schon grün vom Baum fallen. Die Kronen lichten sich mehr und mehr…

Ein großes Problem ist auch, dass die alten Bäume am stärksten betroffen sind und diese am meisten Kohlendioxid binden. Um allein die Menge Kohlendioxid, die durch PKW in Deutschland verursacht wird vollständig zu binden, müssten wir weitere 12 Mio ha Wald pflanzen – zum Vergleich: im Moment gibt es etwa 10 Mio ha… Wann wird endlich was getan??? JedeR ist gefragt…

“was tun“ – so einfach ist das nicht… Man kann aus einem kranken Wald nicht einfach wieder einen gesunden machen, genauso wenig kann man das Waldsterben einfach anhalten. Anstatt mit Kalk und Magnesiumsalzen gegen die Anzeichen der Krankheit anzugehen, müssen ihre Ursachen bekämpft werden! Die wichtigste Waldschutzmaßnahme ist nach wie vor die Verminderung der Luftschadstoffe. Besonders die Belastung durch Stickstoff mittels Verkehr und Landwirtschaft muss eingedämmt werden. Boden und Gewässer versauern, das Grundwasser ist belastet. Das macht die Bäume anfälliger für Schädlinge und Wetteranomalienwie zum Beispiel den besonders heißen Sommer 2003.

Die Luftschadstoffe sind durch umweltpolitische Maßnahmen (z.B. Einführung des Katalysators) zwar schon stark zurückgegangen, die Wälder erholen sich aber nur langsam. Da die Böden schon übersäuert sind, können sie die neuen Schadstoffe nicht mehr neutralisieren. Auch die weltweiten Emissionen von Treibhausgasen sind Stress für den Wald.

Sechs Jahre nach der Verabschiedung des Kioto-Protokolls geht Deutschland mit 18% Verminderung der Kohlendioxidemissionen mit gutem Beispiel voran. Die Industrienationen müssen ihre Kohlendioxidausstöße noch stärker verringern! EU-weit muss nach einer Klimastrategie gesucht werden, die Europäische Gemeinschaft sollte sich um ein stabiles Weltklima bemühen.

Die weitere Förderung des biologischen Landbaus sowie eine verantwortungsbewusstere Verkehrspolitik, die Ausweitung des öffentlichen Nahverkehrs, die Besteuerung von Flugreisen (der Anteil eines Fluggasts an der Schadstoffemission bei einem Flug nach Mallorca ist größer als der, der entsteht, wenn man ein Jahr lang Auto fährt) und die Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene wären weitere Schritte in die richtige Richtung.

Klein bei sich selbst anfangen kann und sollte aber jeder. Öfter mal das Fahrrad benutzen oder zu Fuß gehen, öffentliche Verkehrsmittel nutzen, Fahrgemeinschaften bilden. Energie im Haushalt sparen heißt auch den Wald schonen: je nicht verbrauchter Kilowattstunde Strom ersparen wir unserer Luft ca. 7g Schwefeldioxid und 2,4g Stickoxide. Stromsparende Geräte kaufen, besonders viel verbrauchende Geräte (wie Waschmaschine) außerhalb der Spitzenverbrauchszeiten einschalten…

Damit es nicht immer schwerer wird, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen…

Fabienne Pradella