SebusEin Kommentar von Sebastian Hebler, Kandidat der GRÜNEN JUGEND als Beisitzer im GRÜNEN Landesvorstand

Das war mal wieder eine „Hart, aber fair“-Runde wie sie im Buche steht. Ein reißerischer, episch- monumentaler Titel, für dessen Absurdität sich die Redaktion sicherlich zufrieden die Schultern geklopft hat („Nieder mit den Ampelmännchen, her mit den Unisextoiletten. Deutschland im Gleichheitswahn“ – Aha!), einen wie immer unwissenden und eigentlich uninteressierten Moderator, Kubicki (Alphamännchen und unangefochtener König dummdreister deutscher Unterhaltungstalkshows), die betont ahnungs- aber gar nicht meinungslose Sophia Tomalla und eine homophobe, christlich-fundamentalistische selbsternannte Sprecherin für angeblich unzählige europäische Frauen, Birgit Kelle, die ihr Geld damit verdient, ihren Hass möglichst populistisch und krawallig zu verbreiten. Ein Trauerspiel. Es beginnt allein mit der Anmoderation, die schon gleich den Tenor der gesamten Sendung starr vorgibt. Es geht um Befindlichkeiten und darum – warum auch immer- eine Plattform für reaktionäre Ideologie zu bieten. Das wäre eigentlich gar nicht nötig, wenn man sich die Vielzahl der Debatten ansieht, die – anders als von den rechten Kommentartrollen on- und offline vielfach beschworen- beileibe nicht „linksgrünversifft“ ist. Der Moderator Plasberg als Garant für Ideologieverhärtung liefert hier einen weiteren nutzlosen Schlagabtausch ohne jeden Wissensgewinn, ohne dass etwas neues über verschiedene Positionen gelernt werden könnte, ab. Das einzige, was mit solch einer Sendung erreicht werden kann ist, dass Menschen mit einem Funken emanzipatorischem Anstand dem Herzinfarkt immer näher kommen und es bleibt für mich kaum vorstellbar, dass jemand so etwas bis zum Ende schauen kann.

Dabei ist es so ernüchternd, dass man sich derartig an solche Zustände gewöhnt hat, dass diese Sendung noch nicht einmal überrascht. Es handelt sich um die traurige Realität eines nicht mehr zeitgemäßen Mediensegmentes, das sich höhnisch und in bester Mario-Barth-Manier direkt auf die Seite von publikumsgenerierenden Populisten schlägt. Das Aller-traurigste daran ist, dass die Leute in der Produktion offenbar keinerlei Anspruch an ihre Sendung haben, man aber nach wie vor als Teil des öffentlich-rechtlichen Rundfunks stolz mit dem Bildungsauftrag wedelt. Anstatt mit einer gewissen Distanz professionell und journalistisch zu arbeiten, sind die albernsten Beispiele eines angeblichen Genderwahnes gesammelt worden, wodurch letztlich nicht die Gender Studies, sondern das vermeintliche Qualitätsfernsehen vorgeführt worden ist. Wenn ich journalistisch arbeite, zum Thema Gleichheitswahn recherchiere und dann nicht einmal in die Nähe einer ordentlichen Studie komme, dann ist das jämmerlich. Warum sollte ich also diese gesamtgesellschaftlich-finanzierte Blödelei anschauen, wenn ich stattdessen auch Katzenbabies auf Youtube oder „Frauentausch“ auf RTL2 gucken könnte? Das intellektuelle Niveau ist dasselbe.

Auch das Figurenensemble ist immer dasselbe: Menschen, die tatsächlich mit einem Blick auf Gender forschen, werden nicht eingeladen, sondern es wird über sie gesprochen. Das erinnert an ähnliche Sendungen, bei denen über Flüchtende gesprochen (eigentlich: „gehetzt“) wird, ohne einen einzigen Refugee in der Diskusison zu haben. Stattdessen vor allem die immer gleichen Krachmacher, die das erzählen, was sie bei jeder Gelegenheit zum besten geben. Kubicki als der Prototyp dieser Spezies ist ganz bei sich und versteht wie immer nichts, sondern fabuliert stattdessen vom naturgegebenen männlichen Drang nach Konkurrenz. Dagegen sprechen müssen zwei alleingelassene Menschen, die verzweifelte Wizorek und der bedächtige Hofreiter, die tatsächlich Interesse an Gedanken und Worten haben und damit in dieser „Diskussion“, die keine ist, auf verlorenem Posten stehen. Sie müssen sich dem ziellosen Gekeife unterziehen und versuchen, zwischen all der wutbürgerlichen Empfindsamkeit einen roten Faden zu finden und diesem zu folgen. Dass sich die beiden bei diesem Thema überhaupt in solch eine Sendung setzen, ist ihnen hoch anzurechnen, denn das Feld sollte auf gar keinen Fall den Kelles und Thomallas überlassen werden – auch wenn es wehtut.

Eigentlich könnte alles so einfach sein – dann könnte man allerdings keinen spannend-aufgeregten Content generieren. Dann könnte man nämlich schlicht erklären, dass Gender Studies fast immer kein Selbstzweck, sondern das es sich um eine Forschungsperspektive handelt, die den wissenschaftlichen Blick unzähliger Fachrichtungen (Von offensichtlichen wie Soziologie oder Volkswirtschaft über Germanistik und Filmwissenschaft bis hin zu Archäologie und Rechtswissenschaft) weitet und um fruchtbare Aspekte bereichert. Dann könnte man unzählige Beispiele anführen, die die Relevanz dieses Forschungsansatzes belegen würden – und müsste gleichzeitig zugeben, dass dieser damit fast ausschließlich im universitären Bereich stattfindet und leider zu wenig (!) konkreten Einfluss auf das Leben der meisten Menschen hat. Es ist eben recht unspektakulär und wissenschaftlich, wie es nun einmal die Natur von Wissenschaftsansätzen ist. Dass die Erkenntnisse dieser Ansätze eben auch sinnvolle Handlungsempfehlungen für gesellschaftliche Gestaltung hervorbringen können, versucht Toni Hofreiter Frau Kelle zu erklären, als diese auf die Leichtigkeit hinweist, mit der Jungs auf die „schiefe Bahn“ geraten könnten, erntete dafür allerdings nur Hohn. Thomalla hingegen darf sich als Kubicki-Fangirl („Männer, die noch Männer sind!“) zu erkennen geben und Sätze wie“Wer als Frau immer wettert, hat noch nie ein Kompliment bekommen!“ von sich gibt. Indem sie, gefragt nach ihrer Meinung zur sozialen Konstruktion von Wirklichkeit durch Sprache und die damit einhergehende Exklusion, nur lachend sagt, dass das Schwachsinn sei, lächelt sie fast 300 Jahre Philosophiegeschichte hinweg.

Wenn man tatsächlich eine Diskussion über Genderstudies führen würde, dann würde es vermutlich im universitären Zusammenhang stattfinden und leider(!) nicht im ARD zur besten Sendezeit. „Wissenschaftler haben Erkenntnisse, Sie haben Vorurteile!“, sagt Hofreiter schon früh zu Kubicki und hat damit die Quintessenz der Sendung erfasst. Sie war nicht „kontrovers“, wie sie sich selbst geriert, sondern dumm. Es ist sehr schade, dass man zunehmend als Verfechter einer geschlechtergerechten Sprache – aber auch als Liebhaber von Sprache im allgemeinen, dem eine prachliche Exaktheit,- und nicht „sprachliche Askese“, wie es bei Gelegenheit dargestellt wird- wichtig ist – auf verlorenem Posten kämpft. Zuweilen hat man den Eindruck, es ginge darum, diejenigen, die einstmals die Überreste unseres Medienkonsums archäologisch wiederentdecken werden, zu verhöhnen. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wird im Sinne von reaktionären Agitatoren gegen eine vermeintlich übermächtig wahrgenommene (und – so kommt zusammen, was zusammen gehört – der Hinweis darf auch in dieser Sendung nicht fehlen: „aus Amerika importierten“) Political correctness gehetzt, anstatt sachlich über tatsächliche gesellschaftliche Probleme zu reden, die eben auch – aber nicht nur – ihren Niederschlag in Sprache finden. Die Behandlung solcher Themen würde auch gar nicht davon abhalten, über weitere drängende Probleme zu reden, zum Beispiel über Maßnahmen gegen Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz – ein Thema, dass es bei dieser Gelegenheit nicht ins Abendprogramm geschafft hat…

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