Auf einem früheren evangelischen Kirchentag als Hungertuch entstandenDer 2. Ökumenische Kirchentag (ÖKT) vom 12. bis 16. Mai 2010 war politischer als sein Vorgänger und hatte Nachwirkungen durch die Unterstützung der Finanztransaktionssteuer. Hier soll über Erfahrungen und Erlebnisse berichtet werden um einen Eindruck vom Kirchentag zu vermitteln, bevor es zu den beschlossenen Resolutionen und einem Rückblick über die nachfolgenden Wochen kommt.

Wenn über uns gesprochen wird, so ist in diesem Text eine kleine Gruppe der Grünen Jugend Vorderpfalz gemeint, die sich der Evangelischen Jugend der Pfalz angeschlossen hat, um im ökumenischen Pfalz-Sonderzug nach München zu fahren. Mit dabei waren auch zwei Freiwillige aus Jordanien und Südkorea, die für ein halbes Jahr in Deutschland bei ihrer Partnerkirche im sozialen Bereich mitarbeiten.

Untergebracht waren einige der 130 000 BesucherInnen des ÖKT in Münchener Schulen, von denen sie sich zu den vielen Veranstaltungen, Infoständen im Messezentrum, Podiumsdiskussionen, Gottesdiensten und Workshops bewegten. Der Kirchentag ist als die ökologisch wertvollste Großveranstaltung in Deutschland bezeichnet, doch leider ist daher auch der Eintrittspreis hoch. Trotzdem könnte der Umweltschutz noch radikaler angegangen werden und auch die breite Umsetzung bei Einbezug der BesucherInnen erscheint ausbaufähig (Beispiel Fleischkonsum auf diesem bayerischen Kirchentag).
Das Leitthema „Damit ihr Hoffnung habt.“ wurde vor allem in den großen Hallenveranstaltungen fast ausschließlich auf das zukünftige Leben auf unserem Planeten bezogen. Während die Stände verschiedener Organisationen die persönlichen Möglichkeiten für eine gerechtere Welt hervorhoben, bestand der Fokus der Podiumsdiskussionen auf der Politik.
Das Umweltprojekt »KlimaKultur«, unter der Schirmherrschaft von Cem Özdemir und der Förderung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, wählte aus Schulen und Einrichtungen als Gewinner des Wettbewerbs zur Veränderung der Gewohnheiten und Förderung der Entstehung einer Klimakultur unter anderem einen Kurzfilm zweier Tierschutzgruppen zum Vegetarismus sowie weitere Kurzfilme von Schulen und eine Umweltschutzaktion der Evangelischen Jugend Speyer.

Gleich am ersten Tag trafen wir Josef Winkler auf der Straße (Mitglied des Bundestags von den Grünen) und wurden auf den Empfang der GRÜNEN Bundestagsfraktion am Abend zur Eröffnung des Kirchentages eingeladen. Relativ kurze Reden zum Thema Gesellschaft und Religion durch z.B. Renate Künast u.a. gaben den Anfang für den Abend, der sich im direkten Gespräch mit Gerhard Schick (auch MdB der Grünen) interessant über Finanzen, Politik und Glauben weiterentwickelte (früher war er Organist).

Erde made by god - keep it coolAuf dem Ökumenischen Kirchentag waren jedoch auch andere Religionen anzutreffen. Der interreligiöse Dialog (meist Trialog bezeichnet) kam vor allem in der theologischen Auseinandersetzung auf den Podien zum Tragen. Obwohl die Gemeinsamkeit der Konfessionen im Vordergrund stand, waren theologische Unterschiede und Praktiken der katholischen Kirche gerade bei »Laien« ein großes Thema. Zölibat oder auch Abtreibung wurden zwischen den Veranstaltungen und Ständen diskutiert und Theologie-Studis hatten eine offene Diskussionsrunde über Feminismus. Zu Themen wie z.B. Feminismus, Homosexualität, AIDS, Massentierhaltung, Internationales und Umwelt boten die Stände von Organisationen einen Blick auf die verschiedenen progressiven Initiativen in den Kirchen und eine Sensibilisierung für die Themen. Ansprechend war »schlangenbrut – zeitschrift für feministisch und religiös interessierte frauen«. Doch auch nicht-kirchliche Organisationen füllten die vielen großen Messehallen, beispielsweise Terre des Hommes, die GRÜNEN, CDU/CSU, die FDP und vieles sinnvolleres mehr, doch leider auch RWE mit einem Propagandastand. Als Erinnerung bleiben die tollen Gespräche mit Leuten aus anderen Ländern oder von coolen Organisationen. Auch das Konzert von Giora Feidman, einem jüd. Klezmermusiker, war sehr eindrücklich.

Während wir einen Abend mit Münchener StudentInnen verbracht haben, die in »ihren« Bars zu den Instrumenten greifen und frei loslegen, mischten wir uns auch am Samstag Abend nach dem Samuel-Harfst-Konzert unter die Leute, die sich endlich wieder in einer kirchentagsfreien Zone glaubten, und gingen auf das Frittenbude-Konzert (Muffathalle/Muffatwerk bis 6 Uhr, DJ auch mal weiblich).

Große Akkorde setzten die großen Podiumsdiskussionen, die meist als Veranstaltungsreihen geplant waren. Einen Platz zu finden war da nicht einfach.
Im politischen Bereich gibt es ein paar Veranstaltungen, die klare Forderungen besaßen, die hervorzuheben sind. Zum einen die Reihe zu den »Millennium Development Goals (MDG)«/Millenniumszielen der UN bis 2015. Hier kamen auch viele afrikanische Stimmen zu Wort und erklärten ihre Sichtweisen und Forderungen. Die von Industrieländern zu verantwortende Korruption in afrikanischen Ländern und deren Marktsituation wurde ausführlich und anschaulich dargelegt.
Ein Mitglied der Grünen Jugend Vorderpfalz als Robin Hood für die FinanztransaktionssteuerUnter den politischen Forderungen, um eine Einhaltung der MDGs möglich zu machen, war auch die Finanztransaktionssteuer (FTS, auch als Robin-Hood-Steuer oder Tobin-Tax bekannt) mit einem riesigen Videoauftritt und einem erregten Raum. Befinden sich mehr als 1000 BesucherInnen in einem Raum, so die Abstimmung von Resolutionen erlaubt. Die Resolution zur FTS aus einer der Hauptpodiumsreihen names „Globales Wachstum ohne Ende“ fand große Zustimmung und wurde über den Presseverteiler des Kirchentages gejagt. Ein weiteres deutliches überparteiliches Zeichen durch breite Teile der Gesellschaft an die Regierung und jene Parteien, die bis dato gegen die Einführung einer FTS waren.

Eines der anderen Podien hatte das Thema Ernährung in der Zukunft und behandelte mit äußerst guten Leuten am Mikro den Welthunger, das Verteilungsproblem, die Folgen des Klimawandels sowie die Konsequenzen daraus und Gentechnik. Auch hier wurde eine der vielen Resolutionen abgestimmt. Die Versammlung sprach sich gegen Gentechnik und die Amflora-Kartoffel der BASF aus.

Finanzminister Schäuble erklärte am 21. Mai, dass sich die Bundesregierung für eine Finanztransaktionssteuer einsetzen wird. Eine Übersicht der Ereignisse findet ihr hier und aktuelle Neuigkeiten hier.

Die Chancen, dass die FTS in der Euro-Zone durchgesetzt wird ist also im Moment sehr hoch. Doch auch die Lobbyisten schlafen nicht, sondern haben im Gegenteil schon lange vorher mit viel Ausdauer und Geld in der Hand auf allen politischen Ebenen Druck ausgeübt; mit der Forderung, viel Zeit vergehen zu lassen und Argumente vorzuschieben (z.B. USA machen nicht mit, Börse Tokio macht nicht mit… blahbla).

 

Sehr zu empfehlen ist dieser informativer Beitrag von SWR2 hier (vor allem ab Minute 12 wird es interessant zum Thema Lobbyismus).

Taz-Bericht über das lila Kamel
Resolutionsübersicht des ÖKT

Seit langem ist die FTS schon in der Diskussion und viele Leute haben sich hinter die Forderung geklemmt. Schön, dass sich die Dinge auch mal vorwärts bewegen.

„Jede neue Idee durchläuft drei Entwicklungsstufen:
In der ersten wird sie belacht,
in der zweiten bekämpft,
in der dritten ist sie selbstverständlich.“
(Arthur Schopenhauer)

Abschließend das Auf dem Kirchentag gezeigte Werbevideo für die Steuer gegen Armut (Finanztransaktionssteuer/Tobin-Tax/Robin-Hood-Steuer):

Die HTML5-Version gibt es hier.