22.11.2008

Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein

von Max Pichl

Wenn dieser Tage der „Baader-Meinhof“ Komplex in den Kinos läuft, dann werden wieder Debatten über den deutschen Herbst und die RAF aufflammen. Aber die junge Generation wird sich noch mit anderen Bildern im Kino konfrontiert sehen. In einer Szene des Filmes sieht man die außerparlamentarische Opposition (APO), die sog. 68er, auf dem Höhepunkt ihrer Bewegung. Eine Rede von Rudi Dutschke auf dem Anti-Vietnamkrieg Kongress zeigt tausende junge Menschen, die begeistert dem Redner zujubeln und sich als politische Bewegung präsentieren.

 

Jüngere KinogängerInnen werden eine Generation im Film sehen, für die es selbstverständlich war abends in der Kneipe politische Diskussionen zu führen und dabei auch noch Spaß zu haben, die bereitwillig auf Demonstrationen ging und sich Wochenenden um die Ohren schlug, nur damit endlich wieder ein neuer politischer Flyer gedruckt werden konnte. Sieht man diese Bilder auf der Leinwand, dann ist man als junger, politischer Mensch sicherlich auch verärgert über die unpolitische Generation von heute und man wird sich bei dem Gedanken ertappen, man wäre damals selbst gerne Teil dieser Bewegung gewesen. Aber wie steht es um die politische Jugendbeteiligung? Sind wir eine Konsumgeneration, die sich nicht mehr für politische Inhalte interessiert? Kann man von Dutschke und Co. lernen?

 

Unter den Talaren- Muff von 1000 Jahren

1968 war die Revolution so nah wie nie, heute scheint sie kaum ferner zu sein. Die deutschen Hochschulen galten als Sozialisationszentren einer linken Jugendbewegung, die die politischen Verhältnisse in Deutschland überwinden wollte. Ihre Kritik richtete sich gegen ein verbohrtes Nachkriegsdeutschland, gegen die eigene Elterngeneration, die als Täter des Holocaust identifiziert wurde und gegen den Krieg der Vereinigten Staaten im kommunistischen Vietnam. Darüberhinaus verstanden sich die 68er aber auch als eine kulturelle Bewegung: Sie wollten ihre politische Emanzipation mit einer gesellschaftlichen Emanzipation verbinden. Die sexuelle Revolution war ein fester Bestandteil des politischen Habitus der jungen Studentinnen und Studenten.

Für die jungen Menschen von damals waren die Feindbilder schnell konstruiert. Der Springer-Verlag, das kapitalistische und imperialistische Amerika und das post-faschistische Deutschland waren die Projektionsfläche für die politischen Projekte. Sicher, die 68er Bewegung wird im Nachhinein auch stellenweise überbewertet. Man muss feststellen, dass die Menschen, die am Ende wirklich kontinuierlich auf der Straße den politischen Protest vorantrieben, nicht zu der Mehrheit der StudentInnen gehörten. Der gesellschaftliche und politische Einfluss der 68er war dennoch so gewaltig, dass sie auch heute noch als der historische Bezugspunkt für viele linke Bewegungen gelten. Die Umweltbewegung und die Friedensbewegung wären ohne die 68er wohl unmöglich gewesen. Aber in dieser Mystifizierung liegt auch eine unscheinbare Gefahr, denn die 68er Bewegung wird einseitig politisch verklärt. Wer heutzutage jung und politisch aktiv ist, wird sicherlich die Erfahrung gemacht haben, dass entweder die eigenen Eltern oder auch ältere, politisch Aktive das Engagement Jüngerer milde belächeln. „Früher sei ja alles besser gewesen, wir waren wenigstens radikal, eure Jugend ist uninteressiert und unpolitisch“.

Viele Aktive der 68er Bewegung haben es sich gemütlich gemacht. Sie sind zwar immer noch in ihrem Verein oder in ihrer lokalen BürgerInneninitiative aktiv, aber ein Großteil der 68er hat sich an das von ihnen verhasste System angepasst und ist auch nicht bereit neue politische Konzepte zu diskutieren. Auch aus anderen Gründen ist es ratsam für die linke Jugendbewegung sich eindeutig von 1968 zu emanzipieren und eigene Wege des politischen Engagements zu bestreiten. Große Teile der 68er Bewegung feindeten ihre Elterngeneration für den Nationalsozialismus an und bezeichneten im gleichen Atemzug den Staat Israel als faschistische Nation. „Die Opfer von damals sind heute die neuen Täter“ war eine oft ausgesprochene Parole. Das problematische Verhältnis zum Staat Israel hat viele 68er bis heute nicht losgelassen. Amerika gilt immer noch als das oberste Feindbild. Die verkürzte Kapitalismuskritik der 68er ist ein Relikt vergangener Zeiten von denen sich die heutige Jugendbewegung frei machen muss. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit gab es zudem auch bei den 68ern klaffende Gräben. Forderte man einerseits die Befreiung der Frau aus dem patriarchalen System, so wurden auf der anderen Seite Frauen in politischen Diskussionen oftmals nicht ernst genommen und in ebenjene Rollenklischees hineingezwängt, die es doch zu bekämpfen galt.

Wir kapitulieren?!

Drehen wir das Rad der Geschichte nun aber 60 Jahre nach vorne und blicken auf unsere heutige Jugendbewegung. Florian Illies und die von ihm in seinen Büchern erfundene Generation Golf machen sich darüber lustig, dass die 68er glauben konnten, die Welt zu verbessern. Anstatt zu protestieren, solle man sich lieber mit dem System abfinden und dabei am besten noch gut aussehen. Sind Utopien heutzutage unmöglich? Tocotronic fanden im Jahr 2007 auf ihrer Platte Kapitulation eine eigene Interpretation der heutigen Jugendbewegung. Die Texte des Albums liefern die Einsicht, dass das Eingeständnis von Schwäche und Scheitern den größten denkbaren Triumph darstellt. Die Band um Sänger Dirk von Lowtzow versucht all die negativen Konnotationen die dem Wort Kapitulation anhaften wegzuwischen. „Wenn Du kurz davor bist / kurz vor dem Fall (…) / Und wenn Du traurig bist / Und einsam und allein“, singt von Lowtzow und beschwört die Totalverweigerung vor der Gesellschaft.

Wird die Kapitulation vor dem System das historische Erbe unserer Generation sein? Vielleicht. Es muss aber nicht sein. Politische Bewegungen von heute sind zutiefst individualisiert. Manche kämpfen gegen die Todesstrafe, andere gehen gegen Studiengebühren auf die Straße, wieder andere wollen die Wälder retten. Eine gesamtgesellschaftliche Systemkritik ist an sich nicht vorhanden, ein neuer Rudi Dutschke fehlt ebenso. Und das ist auch nicht schlecht! Unser heutiges Mediensystem ist darauf ausgelegt, Prominente zu erschaffen. Gerade deshalb haben die linken Bewegungen ein Bewusstsein dafür erhalten, dass sich Basisdemokratie und Prominenz nur sehr schlecht vertragen. Heutige Bewegungen sind auch eher als Netzwerke aufgebaut und keine Organisationen wie noch zu Zeiten der 68er, wo sich die meisten StudentInnen im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) wiederfanden. Medienpräsenz ist auch nicht per se identisch mit der Stärke einer Bewegung. Bewegungen drohen auch immer mit einer Person zu stehen oder zu fallen. Einzelne Prominente können keine Netzwerke aufrechterhalten, dies ist immer auch die Arbeit von vielen unbekannten AktivistInnen.

Der Anspruch, den die 68er an ihre Revolution stellten, ist den heutigen Jugendbewegungen an sich eher fremd. Vielmehr möchte man durch viele kleine Nadelstiche das System refomieren. Wollte man damals den Staat bekämpfen, so forden heutzutage viele politische Bewegungen gerade die Rückkehr des Staates in Zeiten des unkontrollierten Neoliberalismus. Die Attac-Generation sagt zwar „eine andere Welt ist möglich“, aber Utopien hat sie nicht. Jugendliche von heute sind oftmals sehr nüchtern, sehr pragmatisch, sie haben an ihren eigenen Eltern gesehen, wo die Grenzen des Politischen liegen. Und doch regt sich etwas. Gerade viele Jugendliche die erst in den letzten 5-6 Jahren in die politische Jugendbewegung gekommen sind, haben noch den Anspruch, eine Systemveränderung herbeizuführen. Vielleicht deutet sich schon wieder ein Generationenwechsel an und die Jüngeren wollen wieder das Element des Utopischen in ihrem politischen Kampf stärker betonen.

Gegen ein richtiges Fazit

Ich selbst kann keinen Masterplan für eine gelungene Jugendbewegung vorlegen. Ich kann nur für mich selbst festhalten, dass ich nicht in die Vergangenheit schauen möchte. Die 68er Bewegung ist Geschichte. Sie hat der linken Jugendbewegung einiges Positives mit auf den Weg gegeben, aber auch massive politische Altlasten vererbt. Wir müssen unseren ganz eigenen Weg gehen. Die heutige Jugendbewegung ist stark individualisiert und eigentlich kann man von „einer“ Bewegung nicht sprechen, worin aber auch ein Vorteil liegt. Für eine engagierte Jugendbewegung werden wir von allem etwas brauchen: pragmatische Herangehensweisen ebenso wie eine neue Debatte über eine gesamtgesellschaftliche Kritik des derzeitigen Systems. Und dabei kann eben auch ein klein wenig tocotronische Kapitulationsdialektik nicht schaden.

Maximilian Pichl (21) studiert kritisch Rechtswissenschaften in Frankfurt und ist noch Sprecher der GRÜNEN JUGEND RLP. Er will keinen neuen Dutschke, sondern viele neue politisch Aktive.