22.11.2008

Frauen wollen nicht nur Kuchen backen, sondern auch ein großes Stück davon abhaben!

von Anne Spiegel

So, in den nächsten Zeilen wird es hier also um Frauen und Partizipation gehen. Ich könnte diesen Artikel nun damit beginnen, eifrig recherchierte Zahlen nieder zu schreiben und sie ein bisschen anschaulich darzustellen damit das Ganze nicht zu trocken wird. Ich könnte zum Beispiel kämpferisch verkünden, dass der Frauenanteil in den Parlamenten Deutschlands mit einem Drittel immer noch viel zu niedrig ist und weiterhin sämtliche Bereiche aufzählen, in denen Frauen immer noch unterrepräsentiert sind, vielleicht noch eine optisch schicke Grafik mit den frustrierenden Daten basteln…

 

Ich habe eine Mitbewohnerin, die zockt Computer, trinkt gern Bier und fährt mit großer Leidenschaft auf die Spiele von St. Pauli. Eine andere Mitbewohnerin macht eine Ausbildung als Gärtnerin, harte körperliche Arbeit, viel Bücken und Buddeln und schwere Säcke mit Erde durch die Gegend schleppen. Die dritte bringt als Brötchenverdienerin das Geld nach Hause, während ihr Freund Einkaufen war und zum Abendessen selbstgemachte Pizza vorbereitet. Eine andere spielt in der zweiten Bundesliga Fußball. Ich selbst war zusammen mit einer anderen jungen Frau im Jahre 2005 die erste Jugenddelegierte Deutschlands, um als Sprachrohr der Jugendlichen bei den Vereinten Nationen zu fungieren. Unsere WG ist nicht auf irgendeinem fernen Planeten, sondern mitten im Herzen von Mainz und stellt mit solchen Mitbewohnerinnen glücklicherweise keine Randerscheinung mehr da. Nicht mehr!

Was vor fünfzig Jahren noch als absolute Ausnahme bestaunt und sicherlich auch belächelt worden wäre, wird mehr und mehr zu einem selbstverständlichen Teil der Realität. Frauen sausen als Astronautinnen durchs All, sie kämpfen wie Ingrid Betancourt für Demokratie, sie sind Frontfrauen in Musikbands wie Judith Holofernes, sie leiten Konzerne, reparieren Autos, steuern Jumbojets und arbeiten immer häufiger auch in der Chefetage eines Unternehmens.

Na dann ist doch eigentlich alles in Butter, was soll denn dann bitteschön dieser Artikel wird sich jetzt vielleicht mancheR fragen – Frauen und Partizipation, sind wir nicht fast schon am Ziel? Nein, noch lange nicht! Zwar hat sich in den letzten Jahrzehnten glücklicherweise vieles geändert und alte überholte Rollenbilder sind auf den Müll gewandert. Wir Frauen haben uns auf den Weg gemacht und es lässt sich ohne Bescheidenheit konstatieren, dass wir auf diesem steinigen Weg schon einige Hürden und Herausforderungen erfolgreich gemeistert haben. Wir bereiten uns nach der Schule durch ein Studium oder eine Ausbildung auf einen Beruf vor, wir mischen uns in die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse ein und erheben unsere Stimme auf Demos, in Organisationen und in den Medien, sehr viele von uns sind wirtschaftlich autark, sexuell selbstbewusst und pochen im Hinblick auf Haushalt, Familie und Erwerbstätigkeit auf gleiche Rechte und Pflichten.

Dennoch: wir sind noch nicht am Ziel, wir sind noch nicht einmal auf der Zielgerade, wir haben noch einen ganz schönen Marsch vor uns! Deutschland gehört zu den europäischen Staaten mit der größten Ungleichheit bezüglich der Entlohnung von Männern und Frauen: Frauen verdienen leider immer noch fast ein Drittel weniger. Seit dem Bestehen der Bundesrepublik hatten wir schon über 100 MinisterpräsidentInnen und darunter nur eine einzige Frau – Heide Simonis. Obwohl fast jedeR zweite abhängig Beschäftigte weiblich ist, sitzen in den 200 größten deutschen Firmen nur elf Frauen im Vorstand. Wo auf dem Weg zum Vorstandssessel bleiben Frauen auf der Strecke und warum? Das ist eine der Fragen, denen sich Politik und Wissenschaft stärker widmen müssen. Fest steht, dass Gleichberechtigung kein Projekt von Frauen für Frauen sein darf, sondern die ganze Gesellschaft betrifft.

Um bei dem Bild mit dem langen steinigen Weg zu bleiben, der beim Marsch zum Ziel der Gleichberechtigung noch vor uns liegt: nur wenn sich auch die Männer mit auf den Weg machen und wir die Steine und Hürden auf dem Weg zum Ziel gemeinsam wegräumen kommen wir dem Projekt Gleichberechtigung wirklich näher. Jede und jeder Einzelne von uns kann viel dazu beitragen, indem wir uns gegenseitig unterstützen und Mut machen und unser Ziel nicht aus den Augen verlieren – damit wir eines Tages in einer wirklich gleichberechtigten Gesellschaft leben und die Massen von Frauen an der Spitze von Politik, Wissenschaft und Wirtschaft ein ganz selbstverständlicher Teil des Alltags geworden sind!

Anne Spiegel wird im Dezember 28 und damit bald zu alt für die Grüne Jugend – ihre Stacheln möchte sie aber noch lange nicht ablegen.

1 Ingrid Betancourt ist eine französisch-kolumbianische Politikerin, die bei den Präsidentschaftswahlen in Kolumbien 2002 für die Grünen antrat, vor der Wahl im von Rebellen der Guerillabewegung FARC entführt und bis Juli 2008 als Geisel gefangen gehalten wurde

2 Quelle: Gleichstellungsbericht 2008 der Europäischen Union