Ein Kommentar von unserem Webredakteur Haureh Hussein:

 

1500 Namen, 1500 Gesichter, 1500 zerrissene Familien. Allein von Januar bis April 2015 starben bereits über 1500 Menschen auf der Flucht über das Mittelmeer nach Europa. Im Jahre 2014 haben fast 3500 Menschen, in der Hoffnung, in Europa ein neues Leben anzufangen, auf dem Mittelmeer den Tod gefunden. Pro Asyl“ schätzte bereits im März 2014 die Zahlen der Toten seit dem Jahr 2000 auf insgesamt 23000Wie viele es tatsächlich sind und waren, werden wir wohl nie erfahren, weil die Dunkelziffer noch weitaus höher liegen dürfte.

Diese Zahlen sind ungeheuerlich und jeder einzelne Tote ist zu viel. Hinter jedem Schicksal steckt eine Familie, eine Biographie, eine Lebensgeschichte, ein Traum, eine Persönlichkeit, ein Mensch. Ein Mensch, der es in seiner Heimat nicht mehr ausgehalten hat. Aus welchen Gründen auch immer. Es ist eine Schande. Es ist eine Schande dass wir als Europäer*innen dieses Sterben tatenlos hinnehmen. Es ist eine Schande, dass wir selbstgefällig und satt, mit einem sicheren Dach über den Kopf und ohne Angst vor einem Krieg, über die angeblichen „Flüchtlingsströme“ jammern und meckern. Was Europa jetzt braucht, ist kein sinnfreies und obendrein menschenverachtendes Gejammer und Gemecker, sondern Entschlossenheit, Mitgefühl und Verantwortung! Die Bundesregierung kann hier ihren Beitrag dazu leisten, ungerechte Regelungen, wie das Dublin III Abkommen, auszusetzen und so die Flüchtlinge im europäischen Raum besser zu verteilen.

 

Europas Kapitalismus ist Teil des Problems

Wir preisen den Frieden auf unserem Kontinent und verschließen unsere Augen vor dem Leid der Welt. Wir treiben durch unser kapitalistisches Wirtschaftssystem die Menschen im  „globalen Süden“ in den Hunger, in die Flucht und in den Tod. Wir liefern Waffen und wundern uns über Flucht und „instabile Verhältnisse“. Wir exportieren den Abfall unseres Überflusses in Form von Elektromüll und eingefrorenen tierischen Erzeugnissen in die afrikanischen Staaten und wundern uns, dass die dortige Wirtschaft nicht blüht. Wir müssen endlich einsehen, dass wir schuldig sind! Wir sind schuldig, weil wir durch unser wirtschaftliches System die Armut, Verzweiflung, Perspektivlosigkeit und den Tod unserer außereuropäischen Nachbarn billigend in Kauf nehmen.

Wir sind eben auch mitverantwortlich für deren Leid, weil wir unsere Grenzen mit unzähligen Millionen Euro absichern und uns abschotten. Aber auch durch die Unsolidarität zu unseren europäischen Nachbarstaaten und durch das unsägliche Dublin Abkommen lassen wir die angrenzenden EU-Länder mit den Flüchtlingen allein. Eine Öffnung unserer Grenzen wird deshalb langfristig nicht ausreichen. Das Problem muss langfristig an der Wurzel gepackt werden.

Wir brauchen eine europäische Politik, die Fluchtursachen bekämpft und Flüchtlingen ein Leben in Sicherheit und Frieden ermöglicht. Dafür muss eine legale Einreise an den Grenzen aller Mitgliedstaaten möglich sein und statt eines Dublin-Abkommen, bedarf es eines Verteilungsschlüssels von Flüchtlingen auf alle europäischen Mitgliedsstaaten. Statt um die Grenzsicherung muss es wieder um die Rettung von Menschenleben gehen, gerade durch Erhöhung des Budgets für eine verbesserte Seenotrettung. Es werden Milliarden ausgegeben, um Zäune um die „Festung Europa“ zu errichten. Milliarden, die in die Unterbringung, Versorgung und Integration von Flüchtlingen wesentlich besser und nachhaltiger investiert werden könnten.

Wie lange noch? Wie lange wollen wir diesem Verbrechen – unserem Verbrechen – noch tatenlos zusehen?