Unser Lager{gallery /}Es ist eine klare Nacht, ein eisiger Wind pfeift durch die Straßen von Mainz, als wir am Treffpunkt ankommen. Ein paar dunkle Gestalten warten in schwarze Jacken gehüllt bereits in einer Gruppe vor der Türe, wir grüßen, sehen bekannte Gesichter, werden herzlich empfangen.

Von innen öffnet endlich ein junger Mann, binnen eines eisigen Windhauches ist unsere kleine Gruppe drinnen. Einen kurzen Korridor und viel zu viele Treppenstufen später sitzen wir auf dem mit Teppichboden ausgelegten Gang, an den zu beiden Seiten Zimmer grenzen. Aus dem einzigen geöffneten Zimmer, einem Büroraum, zieht Zigarettengeruch trotz der geöffneten Fenster durch das Gebäude. Nach einer kleinen Vorstellungsrunde ist der ganze Gang in Gespräche verwickelt, da sitzen solid’s, Jusos, Gewerkschafter_innen, Studis und Schülis sowie sieben GJler_innen, Knabberzeug und Bier machen die Runde, ab und an wird durchgerückt, damit die Neuen auch Plätze finden; die Stimmung ist gut.

Irgendwann nach Mitternacht kommt der erste Bus mit Verspätung an. Mit den zwei weiteren junggrünen Antifaschisten, die in Koblenz dazusteigen, sind wir insgesamt zu neunt – aus den Kreisen Mainz, Worms, Wittlich und Bad Kreuznach.

„Sechs Bananen, den Rucksack randvoll Brote und den mp3player randvoll Podcasts – ich hab‘ alles was ich brauche“

Antifaflagge über der BlockadeErstaunlich gut organisiert cruist unser Reisebus, von Autobahnraststätte zu Autobahnraststätte, wo wir uns auf dem Weg nach Dresden mit anderen Bussen voll Antifaschist_innen zu einem von Mal zu Mal größer werdenden Konvoi zusammenschließen. Erfreulich: Die Polizei ist an jeder Raststätte die wir anfahren bereits vor Ort und stellt sicher, dass es zu keinen Naziüberfällen kommt. Im Bus selbst wird noch darüber geredet, was man denn so dabei habe. „Sechs Bananen, den Rucksack randvoll Brote und den mp3player randvoll Podcasts – ich hab‘ alles was ich brauche“, bekomme ich als Antwort, andere prahlen mit Kuchen und unterschiedlichsten Leckereien, die sich in ihren Rucksäcken und Taschen verbergen.

„Hier geht nichts mehr, wir müssen laufen“

Der lange, kalte Weg nach DresdenIn den frühen Morgenstunden erwacht der Bus gemächlich, der Orgamensch telefoniert, Stadtpläne mit verschiedenen Szenarien werden durchgereicht, Telefonnummern diktiert, Bezugsgruppen gebildet. Auf der Landstraße vor Dresden, ca. 10 Uhr morgens, kommt der Konvoi zum stehen. „Hier geht nichts mehr, wir müssen laufen“, sagt mir eine antifaschistische Studentin aus NRW auf die Frage hin, was los sei. Wenige Minuten später verschwindet der leere Bus langsam in der Ferne, während wir in einem Zug aus mehreren hundert Antifaschist_innen über die Landstraße in Richtung Dresden laufen. Vorneweg laufen fünf Jusos, die ein Megaphon als Lautsprecher für ihre Handymusik nutzen. Rückkopplungsverzerrt dröhnt „Arschloch“ von den Ärzten über die Landstraße, wer jetzt mit dem Auto nach Dresden möchte wird vorerst nicht so schnell ankommen.

Lauti und Heli

Während des Weges nach Dresden hinein passiert nicht so viel. Es werden hier und da ein paar Parolen skandiert, die Jusos machen weiter Handymusik und manchmal schreit jemand „Aufschließen“, was die ganze Elefantenherde dazu bringt, sich der – immer näher kommenden – Vordergruppe im Joggingtempo zu nähern. Nach geschätzten 60 Minuten Fußweg mündet die Landstraße in einen Vorort von Dresden, um uns herum ragen Bau- und Supermärkte aus der sonst kargen und nebligen Landschaft, es ist arschkalt und leichter Schneefall setzt ein. Vor einem Supermarkt auf der Straße hat sich ein Lautsprecherwagen, im Fachjargon Lauti genannt, positioniert und begrüßt uns mit Skamusik und Generatorgeknattere. Von nun an traben wir zum Beat des Lautis Richtung Bahnhof, der irgendwo am Ende der Straße liegen soll, aber so genau weiß das auch niemand. Bemerkenswert auch, wie wenig Polizei, die zahlenmäßig sehr schlecht aufgestellt ist, unseren Zug in Richtung Bahnhof begleitet. Das ändert sich schlagartig, als wir der „Hochschule für Technik und Wirtschaft“, fast direkt am Bahnhof gelegen, näher kommen. Sage und schreibe sieben Helikopter kreisen urplötzlich über dem knapp 2000 Menschen-Demozug, wenige Minuten später, kurz hinter einer Kreuzung, werden wir dann schließlich von der Polizei gebührend empfangen: Helm auf, Pfefferspray in der einen, Schlagstock in der anderen Hand stehen die Beamt_innen vor ihren Gruppenwagen, mit denen sie die Straße zugestellt haben. Zugegebenermaßen Kontrastprogramm. Ein Schelm, wer nach Verhältnismäßigkeit fragt.

Unerfreulicherweise für die Polizei führt direkt vor der Straßensperre eine enge Seitenstraße in einen noch engeren Hinterhof, der wiederum in eine noch viel engere Seitenstraße mündet; wir kommen jedenfalls gute 50 Meter hinter der Polizeisperre zwischen zwei Wohnhäusern aus Hinterhöfen und Hauseingängen auf die Straße geströmt.

Antifascism’s coming home

VoKüessen: Suppe mit Brot und essbarer Schüssel - sehr lecker!Danach geht alles ganz schnell. Cops, die jetzt ebenso orientierungslos wie die Demonstrierenden die Straßensperre hinter sich lassen und weiterlaufen, strömen durch Vorgärten und versuchen sich zu sammeln, unsere Bezugsgruppe hat sich trotz des ganzen Chaos‘ geschlossen gehalten, „alerta, alerta, antifascista“ schallt durch die Straße. Eine weitere Straßensperre. Diesmal keine Seitenstraße. Noch mehr Cops, diesmal auch mit dem praktischen Pfeffersprayfässchen auf dem Rücken, ich muss gezwungenermaßen an Straßenarbeiter mit Unkrautvernichter denken. Eine knappe halbe Minute und einen Pfeffersprayregen später steht dann die Demo. Mehr Gruppenwagen parken auf der Straße, erste Verletzte rufen vom Pfefferspray geblendet „Sanitäter!“, während ihnen die Rotze quer über das Gesicht läuft. Der Lauti knackt, irgendein Orgamensch beschwert sich lautstark über das Vorgehen der Polizei und fordert die Demonstrierenden auf, sich wenn möglich zu setzen, Gummischaumplatten werden verteilt, die Polizei formiert einen Kessel um die Blockade.

„Nehmen Sie Platz, machen Sie es sich schon einmal gemütlich, die Bedienung kommt gleich“

Micky-Maus statt Nazis - wer was zu lesen dabei hatte, musste sich vor Langeweile nicht in Acht nehmenZu diesem Zeitpunkt ist eine allgemeine Verunsicherung spürbar: Wo sind wir? Blockieren wir die Nazis hier, oder kommen sie doch durch? An dieser Stelle hat das Orgateam von Dresden nazifrei eine super Arbeit geleistet. Binnen kürzester Zeit wird durchgesagt, dass unser Plätzchen an der Kreuzung Franklinstraße – Strehlenerstraße vor dem Hotel Andor goldrichtig ist. Es wird wieder Musik gespielt, unter den Blockierenden breitet sich eine gewisse Zufriedenheit aus, die VoKü kommt an und bringt warme Suppe und Decken, außerdem weitere coole „Dresden nazifrei“- Sitzunterlagen. Da ist es 12:30. Wir werden noch bis um 17:20 auf der Kreuzung bei -5°C und leichtem Schneefall ausharren. Die Blockade gleicht in großen Teilen einem riesigen, eiskalten Picknick, die noch im Bus erwähnten Essensvorräte werden ausgepackt und mit warmem Tee der VoKü ergänzt, ab und an schicken wir eineN Deli zu den Bezugsgruppentreffen, um neuste Infos zu holen.

Und wie geht die Geschichte zu Ende?

Im Folgenden kam es zu einigen Lagerfeuern; Europaletten, Mülltonnen und Autos brannten und mussten von der Feuerwehr gelöscht werden. Vollkommen unnötigerweise wurde auch ein leerstehendes altes Haus angezündet, tiefschwarzer Rauch stieg aus dem alten Backsteingemäuer, für die Feuerwehr musste eine Schneise in der Blockade gebildet werden. Auf dem Bike-Areal wurden sich angeblich kleinere Scharmützel mit der Polizei geliefert, von denen auf der Sitzblockade nur die finale Tränengaswand zu sehen war. Einmal wurde es noch richtig brenzlig, nämlich als um eine Häuserecke wenige schwarz Gekleidete rannten, denen eine Hundertschaft ausgesprochen unfreundlicher Polizist_innen hinterherjagte, die im Folgenden äußerst aggressiv gegen die friedliche Sitzblockade vorging, erneut wurde Pfefferspray eingesetzt, erneut taumelnde Gestalten die nach Sanis riefen.

Abschließend lässt sich sagen, dass Dresden 2011 ein voller Erfolg für alle Antifaschist_innen war, es gelang den Faschist_innen trotz dem ausgesprochen aggressiven Verhalten der Polizei nicht, in Dresden oder anderswo zu marschieren. Einziger Wermutstropfen bleibt der Überfall mehrerer Faschisten auf eine im Zug anreisende, kleine antifaschistische Gruppe.

von Philipp Jung