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Vom 18. bis 25. Juli fand in der Nähe von Şavşat, einem Dorf im zu Artvin (eine größere Stadt) gehörenden Distrikt in der Osttürkei nahe der georgischen Grenze, das Sommercamp des »Cooperation and Development Network Eastern Europe«, kurz CDN, statt.
Das CDN ist eine Tochterorganisation von FYEG, der europäischen Grünen Jugend, und hat die Aufgabe, die osteuropäischen und westasiatischen grünen Jugendorganisationen zu vernetzen und fördern. Es werden Seminare veranstaltet, es gibt Working Groups und auch das Sommercamp.

Ich berichte euch hier über meine Reise und das Sommercamp.

Dass es das CDN überhaupt gibt und auch mir es möglich ist, bei einer Veranstaltung der Vernetzungsorganisation für Osteuropa teilzunehmen, erfuhr ich nicht durch eine GJ-Ankündigung. Irgendwie steht es zwar im Kalender und wird per Mail rumgeschickt, aber das CDN hat definitiv weniger Präsenz als FYEG.
Joel Wardenga aus der Grünen Jugend RLP nahm an der Organisation eines Wirtschaftsseminars in Serbien teil und erzählte mir in der Schule, dass es das Sommercamp gibt, er im Vorbereitungsteam ist und ich mich doch auch bewerben könnte.
Anfangs dachte ich nicht, dass ich genommen werde und traute mir alles auf Englisch nicht zu, aber die Bewerbung, die abgeschickt wird, wird eigentlich gar nicht so streng behandelt. Damit aber auf einmal nicht nur WesteuropäerInnen auf dem Camp sind, gibt es Regelungen, sowas wie eine Länderquote.
Im Vorfeld kommt man auf eine E-Mailliste, sodass eine gemeinsame Hinfahrt und Infos abgeklärt werden können. Natürlich ist es erstmal eine riesige Belastung eine Fahrt zu koordinieren, die so weit geht – soll ich über Istanbul oder vielleicht über Batumi (Georgien) und dann nach Hopa (Stadt an der Grenze)? Aber mir wurde immer geholfen und alles lief glatt!

Da ich bis zum 16. Juli im Kindergarten arbeitete, musste ich hinzu das Flugzeug nehmen. Ich flog von Freitag auf Samstag nach Istanbul und war am 17. um 3 Uhr nachts alleine in Istanbul unterwegs.
Die Simit-Ringe des Vortages waren teilweise noch übrig und so konnte ich gleich was essen. Die Verkaufsstände der Hefeteigringe mit Sesam sind fast überall zu finden.
Nachts war ziemlich viel los und ich konnte schon gegen kurz vor 5 Uhr in einem Café sitzen und freien W-LAN-Zugang benutzen während ich Chai trank. Gegen halb 9 traf ich dann Sevil Turan von der türkischen Grünen Jugend (genç yeşiller), die in Istanbul studiert, aber aus der Region des Sommercamps kommt. Der nette Aufenthalt bei ihr wurde oft unterbrochen, weil wir durch das riesige Istanbul (mehr als 12 Mio. Einwohner!) laufen mussten, da jemand aus Mazedonien erwartet verspätet war und ich dafür den früheren Bus nehmen sollte. Doch sie kam rechtzeitig an und fuhr zusammen mit einer Ungarin und Sencer mit dem frühen Bus nach Artvin. Sevil und ich nahmen dann den späteren Reisebus, den ich mir ganz anders vorgestellt hatte. Da eine große Konkurrenz zu Inlandsflügen in der weiten Türkei war, mussten die Reisebusse mit Satelliten-TV-Flatscreens für jeden Platz, Bedienung und W-LAN mehr Komfort bieten als das Flugzeug.
Nach 22 Stunden Fahrt kamen wir in Artvin um 9 Uhr am Sonntag an, doch erfuhren, dass alle anderen erst abends kommen würden. So verbrachten wir den Tag mit der Erkundung der schönen Gegend, gingen Wandern, sahen überall Atatürk-Bilder und auch einen Kampfstier, der uns stolz präsentiert wurde – er war der amtierende Champion der Region^^. Insgesamt sah die Landschaft so aus wie die Alpen, vielleicht etwas schöner. Die Menschen sahen auch weniger anders aus, als ich es subjektiv erwartet hatte. Selten ein Kopftuch, oft hellbraune und blonde Haare – alles sehr westlich. Mein Türkeibild, das jahrelang hier konstruiert wurde, fiel zum Großteil zusammen – sehr schön, denn jetzt sehr ich alle Kommentare über die Türkei von einem anderen Blickwinkel.
Gegen Abend fuhren wir mit Kleinbussen in das komplett gemietete Hotel in der Nähe von Şavşat. Die anderen Leute waren angekommen – eine bunte Mischung aus Kasachstan, Aserbaidschan, Türkei, Belgien, Rumänien, Bulgarien, Frankreich, Serbien, Deutschland, Tschechien, Polen, Slowakei, Albanien, Armenien, Wales (GB), Österreich, Mazedonien, Ungarn, Weißrussland, Finnland, Georgien, Luxemburg und Ukraine.

Die erste Nacht schliefen wir in den Zimmern und nicht in den Zelten, da es schon zu dunkel war für den Aufbau. Die zweite Nacht war ich mit Vlad aus Rumänien im Zelt, das war aber auch die letzte – am nächsten Tag brachten die Tschechen meine durchnässten Sachen aus dem dicken Regenschauer hinein, das Zelt wurde durch den Wind fast zerlegt. Da das aber alle Räume im Hotel vom CDN gemietet waren, konnte ich einfach drinnen schlafen. Die Angestellten waren alle sehr nett und es gab auch veganes Essen.

Das Programm war sehr schön gestaltet, wir hatten Vorträge, Workshops und Aktionen wie ein Handelsspiel. Es wurde diskutiert, was für uns eigentlich »grün« bedeutet, was Systeme sind und wir analysierten beispielhaft manche. Themen waren Klimawandel, Handelsbeziehungen, Nachhaltigkeit, »Green Economy«, Jugendpolitik, »Green New Deal vs. green ideals« (also Kritik am Grünen Neuen Deal und die Frage nach Revolution), Gender – wirklich eine gute Session gehabt, Agrarpolitik und Land-Stadt-Bilder, Stadtentwicklung und vieles mehr! Dabei aber immer genügend Zeit und Sonne, das fröhliche Zusammensein, Party und die interkulturellen Abende dürfen hier auch nicht vergessen werden. Aus Deutschland waren David, der in Amsterdam studiert, Terry vom FYEG-Vorstand, Joel Wardenga aus dem KV-Vorderpfalz, Kalle aus NRW, Mareike aus JPA’s EP-Büro und ich da. Wir sprachen wenig Englisch, wenn die Österreicher oder Martha aus Polen (ehem. FYEG-EC, studierte in Leipzig) bei uns waren. Doch ansonsten hielten wir uns an die Regel „Bad English is the sexiest language ever!“.

Es gab verschiedene Gruppen, die eine Zuständigkeit hatten. Einmal das Statement-Committee, das einen Text vorbereitete, der dann am Ende als gemeinsames Ergebnis abgestimmt wurde. Mit Änderungsanträgen und der üblichen Prozedur – mit der Aussage des Textes können wir zufrieden sein. Es gab z.B. aber auch das Aktions-Komitee, das die Sitzdemo vorbereitete, die wir zusammen mit lokalen Leuten einer NGO durchgeführt haben. Im Vorfeld informierten sie uns über die mehr als 600 Kleinkraftwerke, die in der Region gebaut werden und die Umwelt zerstören. Ein Film über einen Stausee, der ein Dorf unter Wasser setzte und die Bevölkerung vertrieb wurde auch gezeigt. Die Kleinwasserkraftwerke zapfen die Flüsse in dem bergigen Gebiet an und schleusen das Wasser durch ihre Anlagen. Danach kommt es wieder in den Fluss, bis das nächste Kraftwerk wartet. Der Bau alleine ist schon schlimm genug, da die dicht bewaldeten Berge danach nur Schuttflächen zu bieten haben. Doch auch der Wasserhaushalt ist kaputt, es können keine Fische mehr leben und die Gegend vertrocknet. Mit dem Ausbau der Kleinwasserkraftwerke können jedoch nur 2% des Energiebedarfs der Türkei gedeckt werden. Eine Anmerkung der vortragenden NGO: 10% der Energie werden nur für Werbereklamen verwendet! Dabei hat die Türkei in Europa die besten Bedingungen für Windkraft, doch das Potential wird überhaupt gar nicht genutzt.
Die Demonstration war ein großer Erfolg und in den Zeitungen bis in belgische Dörfer präsent. Ein Oberhaupt der Bezirksregierung wollte die Demo schon im Vornherein verbieten indem er uns androhte, das Hotel zu schließen (Einen ominösen Grund findet man schon, wenn man will). Doch der Hotelbesitzer wurde mit „I don’t give a shit“ übersetzt und wir zogen die Aktion durch. Die große Masse der Zuschauer während der Verlesung unserer Forderungen ist auch damit zu begründen, dass die Bevölkerung keineswegs an Entscheidungen, die sie betreffen, beteiligt wird und sich im Fall der Kleinwasserkraftanlagen auflehnen.

Danach hatten wir eine schöne Zeit mit den Anwohnern und besichtigten die Anlagen, wurden verköstigt und hatten Tänze auf einem Berg – sehr tolle Erfahrung!

Wie wehmütig ein Abschied von ca. 60 Leuten ist, die man erst seit einer Woche kennt, wisst ihr vielleicht. Doch die »Abschiedszeremonie« war sehr schön organisiert und wir hoffen alle, uns wiederzusehen.

Während andere schon abreisten, blieb ich noch ein bisschen und half beim Aufräumen, weil ich zusammen mit dem CDN-Vorstand, Prep-Team, FYEG-EC und Durukan Dudu von der türkischen Grünen Jugend noch nach Hopa reisen wollte. Die Hinfahrt war sehr lustig, sie bestand aus türkischem Radio, Ausblick auf Chai-Plantagen und vielen „HOPA!“-Rufen. Dort angekommen aßen wir in einem Restaurant, das überall Militärkram an den Wänden hatte. Das Hotel war auch nicht so der Hit und wir verloren einen kranken Finnen, der aber nicht alleine zurückbleiben musste, sondern von Maggie und Dudu Beistand erhielt. Was den Stand von Hopa angeht, könnte man denken, dass dieser Truckerstrand mit den LKWs, aufgewühlter Erde und Felsbrocken, vielleicht schon schönere Zeiten erlebt hat.

Die Fahrt zurück war wieder mit einem gut ausgerüsteten Reisebus, doch dass Frauen und Männer in diesem Bus nicht nebeneinander Sitzen dürfen, war echt nervig, da wir die Sprache nicht sprechen konnten, sodass ein Gebrüll auf Tschechisch nur bis zum Platzmangel auf Männerseite die Vorschrift pausierte.

Lustigerweise kamen wir in Istanbul an und stoßen direkt zu einer Demo gegen Kleinwasserkraftwerke – schöner Zufall, der uns wieder zu den türkischen Grünen und deren Büroräume führte. Die türkischen Grünen sind echt cool! Genauso wir Greenpeace-Plakate auf Türkisch in einer Bar.

Untergebracht waren wir bei einem belgisch-türkischen CDN-TeilnehmerInnen-Paar, dass vor uns wieder in Istanbul ankam und dort eine WG hat. Getroffen haben sie sich in Kopenhagen bei den Protesten. Den Abend verbrachten wir in einer Bar mit Livemusik in der höchsten Etage eines Hochhauses. Den folgenden Tag verbrachten wir mit Kulturellem, was in Istanbul nicht schwer ist, und am Bosporus. Es soll eine dritte Brücke gebaut werden, die viele Bäume zerstört und ein unnötiges Bauprojekt darstellt, da gleichzeitig Tunnel gebaut werden, um die anderen Brücken und Tunnel etwas zu entlasten. Die Grünen planen eine Aktion mit 2 Mio. IstanbulerInnen, die Lichter anzünden.

Am Abend fuhren Honza, Joel und ich nach Bulgarien und trafen zwischendurch Maarten aus Belgien. Wir verbrachten die Tage bei Marina, einem Mitglied des CDN-ECs und des Vorstandes der Grünen Partei. In einem Ort nahe Varna am Schwarzen Meer hatten wir schönes Wetter und gute Versorgung. Die Tatsache, dass es am Strand kommunales W-LAN gab, erstaunte mich. Auf meinem Rückweg nach den Urlaubstagen in Bulgarien fuhr ich über Sofia, wo es am Hauptbahnhof ein sehr schnelles freies W-LAN gab. Das sollte mal den Freifunk-AktivistInnen hier erzählt werden 😉
Danach fuhr ich über Belgrad nach Villach und von dort über Basel nach Mannheim. Einige Tage war ich schon unterwegs mit dem Interrail-Ticket. Ich bin auch optimistisch, dass die Fahrtkostenerstattung noch irgendwann ankommt. Gelohnt hat es sich auf jeden Fall, da ich einer israelischen Familie begegnet bin und z.B. auch einen Spanier, der in Istanbul mit Gewächshäusern arbeitet, getroffen habe.
Die Fotos und Videos wurden online ausgetauscht, auf das fertig formatierte Statement warte ich noch. Es war super und ich kann euch nur empfehlen, euch bei den internationalen GJ-Veranstaltungen zu beteiligen! Eine Woche danach war z.B. der Global-Young-Greens-Kongress in Berlin.

Mehr über CDN, FYEG und GYG erfahrt ihr hier.

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