Ein Beitrag von Misbah Khan, Gleichstellungsbeauftragte und GRÜNE JUGEND-Kandidatin für den Landtag

Die Fastnachtszeit wird verbunden mit Weltoffenheit und guter Laune, auf politisch-literatische Spitzfindigkeiten wird gepocht. Anders als in Köln, machen wir Rheinland-Pfälzer es noch richtig: scharfzüngig wird Gesellschaftliches kritisiert; es wird ausgesprochen, was der Aussprache bedarf; gar vor der Obrigkeit scheut man sich nicht – das alles mit gutem Humor, versteht sich. Wenn es dann aber einen Stefan Raab braucht um auf die Überschreitung der Grenzen des „guten Geschmacks“ hinzuweisen, dann stimmt etwas nicht mit dir, liebes Fassenacht-Meenz!

Aber so mancher Mainzer und die Lokalpresse scheint das nicht zu realisieren. Das Konzept der inklusiven Fassenacht in Mainz, wie in mehreren Moderationen und Kommentaren gefeiert (am Fastnachtsumzug konnten sich auch Menschen mit Behinderungen beteiligen) wird zur Makulatur, wenn sich im gleichen Umzug eine Gruppe Menschen mit Blackfacing und Bastrock bekleiden darf.

Auslöser und Sündenbock ist Willi Windhund, die Figur von Horst Radelli, der in bekannter Reimemanier den Verfechtern von Political Correctness,- und deren angeblicher Durchsetzungsmacht-, die Leviten liest, Obama als „Mohrenkopp“ bezeichnet, das Recht auf „Negerküsse“ und das Ständchen der „Zehn kleinen Negerlein“ verteidigt, genau wie das Recht auf die Überheblichkeit als deutsche Sieger mit dem Gaucho-Tanz ihren Triumph zu untermalen. Horst Radelli spielt bewusst mit den Begriffen und den dazugehörigen Missverständlichkeiten die entstehen, wenn man den Zusammenhang zu dem Mainzer Dachdeckerbetrieb Neger nicht erkennt. Traurig finde ich aber nicht den alten, verwirrten Mann, der verkleidet in einer Rolle von der Bühne aus ewig-gestrige Anwürfe äußert,- traurig finde ich dass das Publikum, darunter viel lokale Prominenz, das Ganze johlend und beifallklatschend goutiert und ihn gar mit Standing Ovations verabschiedet.

Es ist geradezu lächerlich, sich wie Willi Windhund vorab darüber zu beklagen, vom Ausland als Nazi bezeichnet zu werden und gerade daraus das Recht schließen zu wollen, rassistische Begriffe nutzen zu dürfen.
Im Kopf „der um die deutsche Kultur Besorgten“ muss es so aussehen: Wir befinden uns im Jahre 2015 nach Christus. Die ganze Welt ist von Gutmenschen besetzt und hat verfügt, dass man Begriffe wie „Neger“ nicht mehr verwendet. Die ganze Welt? Nein, ein von unbeugsamen GermanInnen bevölkertes (metaphorisches) „Dorf“ hört nicht auf, Widerstand zu leisten. Wer rassistisch geprägte Begriffe als „Gut“ der deutschen Sprache verteidigt, ist Teil des Rassismus der anderswo als überwunden gilt, wo man nicht etwa Verboten erliegt, sondern einfach verstanden hat, dass man ebensolche Begriffe diskriminieren. Wenn man sich dennoch entsprechend verhält, dann muss man sich jedoch nicht wundern, wenn Deutschland vom Rest der Welt als zurückgeblieben bis rechts karikiert wird.

In den aktuellen Debatten um den Rassismus in Mainz, stehen nicht die Verfechter von rassistischer Sprache und kolonial-folkloristischen Stereotypen in der Kritik, sondern diejenigen, die Verbesserung suchen und bemüht sind um einen Umgang frei von Rassismen und Diskriminierung. Klar: Horst Radelli hat mit seiner Rede bei den Mombacher Bohnebeiteln nur gespaßt, es ist aber weder witzig noch harmlos, wenn Stereotypen und Feindbilder auf vermeintlich harmlose Weise Raum bekommen und weiterverbreitet werden. Und es ist noch weniger witzig, diese unkommentiert zu tolerieren. Es gibt keinen geschützten Raum für Rassismus, auch nicht in der Fastnacht!

Ich will meine Kritik nicht auf Einzelne reduzieren, sondern vielmehr darstellen, wieso es doch wichtig ist „ein Sprachschatzasket“ zu sein: Erst die Unterscheidung des Menschlichseins in künstlich konstruierte Rassen lies eine moralische Überhebung der Europäer und Amerikaner über Schwarze und deren Versklavung legitim werden. Gerade in dem Kontext war Sprache ein essentieller Schlüsselfaktor. Die Konnotation bei dem Ausdruck „Neger“ speist sich aus kolonialen Klischees von hässlichen, unterentwickelten, primitiven, sexuell abnormen, gefährlichen bis belustigenden Halbaffen aus Afrika. Bis heute kann man mancherorts die cartooneske Darstellung zwischen „Afrikanern“ und Steinzeitmenschen“ nur an der Hautfarbe und dem Schmollmund unterscheiden. Anders als bei dem Begriff „Schwarz“ ist mit dem N-Wort also nicht die kulturelle und soziale Identität gemeint. Gerade am typischen Zerrbild, das als Logo der Mainzer Dachdeckerfirma Neger verwendet wird, entzündet sich aktuell zum wiederholten Male eine Debatte.

Alltagsrassismus hat viele Formen und Facetten – Sprache ist einer davon. Die Sozialisation beinhalteten einen Sprachschatz, der unterschwellig rassistisch ist. Das abzusprechen zeugt von Ignoranz und fehlender Sensibilität. Erst durch das Anerkennen von sprachlichen Rassismen, ihrer Entstehung, Bedeutung und Funktion kann eine Grundlage für bewusste gesellschaftliche Veränderung eingeleitet werden. Neue Begrifflichkeiten ändern nicht immer gleich gesellschaftliche Rahmenbedingungen,- sie mögen manchmal nur die neue Schale für alte Denkmuster sein -, andererseits wird durch ein unreflektiertes Weiterverwenden rassistischer Begriffe bestehende Diskriminierung permanent reproduziert und gefestigt. Eine substanzielle Auseinandersetzung mit Sprache kann eine Grundlage für das Hinterfragen und daraus schlussfolgernd eine Veränderung des eigenen, auch unterbewussten, Denkens sein. Insofern ist anti-rassistische Sprachkritik kein Diktat von politisch Korrekten sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit, wenn sie mit der Kritik an gesellschaftlichen Umständen einhergeht.

Schokoküsse