Das Bundesfamilienministerium unter Ursula von der Leyen will das religionskritische Kinderbuch „Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel – ein Buch für alle, die sich nichts vormachen lassen“ auf den Index setzen lassen. Larissa Hauer und Alexander Grünen von der GRÜNEN JUGEND RLP haben es gelesen. Ihrer Meinung nach zeigt das Ministerium, dass sich die Grundideen der Aufklärung vor allem in der christlich demokratischen Union noch nicht durchgesetzt haben – was dieser Partei wohl leider immanent sein dürfte.

In dem Kinderbuch mit dem Titel „Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel“ lassen die Autoren Michael Schmidt-Salomon und Helge Nyncke das kleine Ferkel und dessen Freund, den kleinen Igel, Gotteshäuser der drei großen monotheistischen Religionen besuchen.

Doch die grausamen Geschichten von einem jähzornigen Gott, der die Sintflut herbeigeführt hat oder der seinen Sohn geopfert hat oder einem Gott, der fünfmaliges Beten pro Tag verlangt, machen die beiden nicht glücklicher. Im Gegenteil, sie machen ihnen verständlicherweise Angst. Mit ihren frechen Fragen ziehen sie außerdem den Zorn des Rabbis, des Bischofs und des Muftis auf sich. Glücklicherweise ziehen die drei Gelehrten es vor, sich gegenseitig zu bekämpfen, als das kleine Ferkel und den kleinen Igel zu verfolgen.

Die Botschaft des Kinderbuches ist nichts anderes als die Kernbotschaften der Aufklärung, wie sie vor mittlerweile 250 Jahren formuliert worden sind: Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen – jederzeit und ohne Anleitung eines anderen!

In der Tat erinnert die Geschichte vom kleinen Igel und dem kleinen Ferkel doch sehr an die Ringparabel, einen der Schlüsseltexte der Aufklärung [1]. Doch was Lessing in „Nathan, der Weise“ vor 229 Jahren natürlich weniger kindgerecht veröffentlicht hat, scheint traurigerweise noch nicht im Bundesfamilienministerium angekommen zu sein.

Es ist davon auszugehen, dass die Verbotsbestrebungen religiös motiviert sind, schließlich ist die Bundesfamilienministerin Mitglied einer Partei, die sich „christlich demokratisch“ nennt. Doch wer Religion und Politik vermischt, wird keinem von beidem gerecht, so könnte ein Fazit aus der Ringparabel lauten. Besonders widerlich am Verhalten des Familienministeriums ist, dass es dem Buch antisemitische Tendenzen unterstellt – ein Vorwurf, mit dem nicht zu spaßen ist.

Denn dass der Antisemitismusvorwurf des Ministeriums jeglicher Grundlage entbehrt, sieht sogar der Zentralrat der Juden so. Es drängt sich also der Verdacht auf, dass das Ministerium versucht, mit der Antisemitismuskeule ein religionskritisches Kinderbuch zu diffamieren.

Teilweise wurde dieser schwerwiegende Vorwurf unkritisch von der Presse übernommen, teilweise wurde sogar berichtet, der dargestellte Rabbi weise jene Merkmale auf, mit denen Nazizeitschriften wie der „Stürmer“ Juden im Dritten Reich verleumdeten.

Ein weiterer Vorwurf des Ministeriums besteht darin, dass das Ferkelbuch Hass auf die drei großen Weltreligionen erzeuge [2]. Auch das ist mitnichten zutreffend, denn Ferkel und Igel reagieren nicht mit Hass, sondern zunächst erschrocken und später belustigt auf die fundamentalistischen Gottesdiener. Die Botschaft des Buches ist eigentlich keine atheistische, sondern eine agnostische.

Natürlich haben sich auch der Zentralrat der Juden und VertreterInnen der Katholiken zu Wort gemeldet. Von VertreterInnen des Islamischen Glaubens konnten wir keine Stellungnahme finden, aber die müssen sich in Deutschland ja auch ständig rechtfertigen und ihre Freiheitlichkeit und Weltoffenheit beteuern, während unsere eigene Religion, das Christentum, immer wieder ungestört zum Sturm auf die Werte der Aufklärung blasen kann.

Vom Zentralrat der Juden heißt es, das Perfide und Gefährliche sei es, dass sich das Buch mit einer graphisch sehr attraktiven Aufmachung an junge Kinder wendet, die solch einer „Antireligionshetze“ hilflos ausgesetzt seien [3]. Juden oder Christen würde es natürlich niemals einfallen, hilflose Kinder den brutalen Geschichten des Alten Testaments auszusetzen oder ihnen graphisch sehr attraktive Kinderbibeln zum lesen zu geben. Der Unterschied ist nur, dass Geschichten von Tod und Verderben, von den Qualen der Hölle und dem Leid des Messias, der für unsere Sünden starb, Angst und Demut erzeugen. Wer sich das vor Augen führen möchte, der oder die lese zum Beispiel James Joyce, „A Portrait of the Artist As A Young Man“, Kapitel drei [4]. Das Ferkelbuch hingegen gibt Kindern Mut und Selbstvertrauen und beruhigt sie, dass die Schauermärchen aus altem und neuem Testament eben nur frei erfundene Märchen sind. Vor diesem Hintergrund wirkt die Argumentation des Familienministeriums, dass das Ferkelbuch geeignet sei, Kinder „sozial-ethisch zu desorientieren“, nur noch grotesk, sind doch die genannten Schauermärchen definitiv keine geeignete Kinderlektüre.

Weiter heißt es in der Stellungnahme des Zentralrats, das auf der letzten Buchseite dargebotene Bild nackter Menschen könne Kindern Angst machen. Auf der letzten Seite sind eine Reiher nackter Menschen abgebildet, die sich ihrer Nacktheit natürlich nicht schämen – wieso auch? Nur die drei Gottesvertreter fühlen sich sichtlich unwohl. Das Bild soll illustrieren, dass die oft in so prächtigen Kleidern daher kommenden Gottesdiener nur „nackte Affen“ wie wir sind und deshalb – die Botschaft entspricht der in „Des Kaisers neue Kleider“ [5] – kein Grund besteht, diese als Autoritäten zu fürchten. Und keinem Kind, dessen Eltern ein gesundes Verhältnis zu ihrem Körper haben, wird dieses Bild Angst machen.

Die mit Abstand lustigste Kritik am Buch stammt aber von den Katholiken. Diese wollen sich nicht als Kannibalen beschimpfen lassen [6]. Hintergrund ist, dass das kleine Schweinchen, nachdem es erfahren hat, dass die Hostien und der Wein dem katholischen Glauben nach materiell aus dem Fleisch und Blut Jesus Christus bestehen, ein dringendes Bedürfnis äußert die Kirche zu verlassen, da es sich fragt, was diese Leute mit kleinen Ferkeln und Igeln machen, wenn sie schon ihren eigenen Religionsstifter essen. Wenn nun ein Kardinal sagt, er lässt sich nicht als Kannibale beschimpfen, dann müsste er eigentlich vom Vatikan als Ketzer exkommuniziert werden. Denn nach dem gültigen katholischen Katechismus werden Wasser und Wein bei der Kommunion tatsächlich, nicht nur symbolisch, zum Leib respektive Blut des Herren [7]. Deswegen werden katholische Priester vom Vatikan hart bestraft, wenn sie eine gemeinsame Kommunion mit ProtestantInnen feiern, denn diese glauben, dass die Verwandlung nur symbolischen Charakter habe. Die christliche Religion ist nur eine von vielen, in denen ritueller Kannibalismus eine Rolle spielt und solange dafür niemand getötet werden muss, finden wir das auch gar nicht schlimm, höchstens ziemlich absonderlich, aber wir sind ja tolerant. Die GlaubensvertreterInnen sollten nur zu den von ihnen praktizierten Ritualen auch stehen.

Doch viele der Kernthesen des Christentums geraten gerade sowieso ins Wanken. So glaubt nur noch jedeR dritte KatholikIn an einen persönlichen Gott, nur jeder sechste an den Teufel. 41% glauben an die Auferstehung Jesu und 56% an ein Leben nach dem Tode [8]. Bei den jüngeren AnhängerInnen sind diese Zahlen noch deutlich tiefer.

Nun merken scheinbar einige KirchenvertreterInnen, dass ohne Teufel keine Kirche zu machen ist. Angst und Einschüchterung sind eben notwendige Bestandteile jeder Religion. Deshalb ist die kirchliche Elite wohl so bedacht darauf, dass diese Kernthesen ihrer Religion nicht länger lächerlich gemacht werden. Dass eine staatliche Institution sich zu ihrer Handlangerin machen lässt, ist einem säkularen Staat nicht würdig. Doch wie säkular kann ein Staat überhaupt sein, in dem eine große Volkspartei sich christlich nennt und eine religiöse Leitkultur zu implementieren versucht?

Der Indizierungsantrag des Ministeriums sowie die Anfeindungen vor allem aus Kreisen der katholischen Kirche können historisch wohl als eine Art letztes Aufbegehren einer sterbenden Religion gesehen werden, was einen gewissen Trost darstellt.

Dennoch ist immer wieder erschreckend, welch große Rolle religiöse Überzeugungen in der Tagespolitik noch spielen, 250 Jahre nach der Aufklärung. Gerade in Zeiten, in denen der amerikanische Präsident von Kreuzzügen faselt und die unlängst endlich zurückgetretene Kultusministerin von Hessen fordert, die christliche Schöpfungslehre in den Biologieunterricht aufzunehmen, tut ein solches Buch Not.

Uns hat das Ferkelbuch gefallen und wir würden es bedenkenlos Kindern vorlesen.

Auf www.ferkelbuch.de läuft eine Unterschriftenaktion gegen die Indizierung. Dort finden sich auch Stellungnahmen der Autoren und der Presse zu den Vorwürfen des Ministeriums.
Die „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien“ wird sich am kommenden Donnerstag, den 06. März 2008, mit dem Indizierungsantrag beschäftigen.
Alexander Grünen und Larissa Hauer

[1] die Ringparabel
[2] der Indizierungsantrag
[3] PM des Zentralrats der Juden
[4] James Joyce „A Portrait of the Artist as a Young Man“
[5] Hans Christian Andersen „Des Kaisers neue Kleider“
[6] Interview mit katholischem Religionspädagogem
[7]katholischer Katechismus:
siehe u.a. hier, hier und hier
[8] demoskopische Untersuchung

Weitere interessante Berichte zum Buch gibt es auf auf www.ferkelbuch.de

UPDATE: Am Donnerstag, den 06.03.07 wurde der Indizierungsantrag von der Bundesprüfstelle abgelehnt. Das Buch darf also weiterhin frei verkauft und beworben werden.