Chancen und Risiken von Ganztagsschule
Bericht von einem Seminar der Grünen Jugend Rheinland-Pfalz

Ein Wochenende lang drehte sich bei uns alles um die Ganztagsschule: In St. Goarshausen fand unser Seminar statt. Mehr darüber erfahrt ihr hier von Stefan Lange, Mitarbeiter in der Servicestelle Jugendbeteiligung in Berlin und Mitglied der Grünen Jugend Rheinland-Pfalz, unserem Referenten.

“ Das Seminar fand im Turner- und Jugendheim St.Goarshausen, direkt neben der großen Loreley Festbühne, statt. Das Wetter war grandios, knapp 25 Grad und purer Sonnenschein und für Unterhaltung wurde durch eine vorbeibrausende Oldtimer Rallye gesorgt.

Thema des Seminares war das unter Schülerinnen und Schülern äußerst umstrittene Thema Ganztagsschule. Neben vielen KritikerInnen gibt es auch viele BefürworterInnen in den Reihen der Schülerinnen und Schüler. Mein Ziel mit dem Seminar war es, zu zeigen, dass Ganztagsschule sowohl eine Chance als auch ein Risiko darstellt…“


Stefan rollt gerne alles ganz genau auf…

Ganztagsschule, die einfach eine um 4 Stunden verlängerte Halbtagsschule mit ein bisschen Hausaufgabenbetreuung und Fußballspielen ist, ist ein Risiko, aber eine Ganztagsschule, die es schafft, den Veränderungsprozess zu einem demokratischen Schulentwicklungsprozess zu formen ist eine Chance.

Der Einstieg am Freitag war der Film „Treibhäuser der Zukunft“ (eine ausführliche Vorstellungsrunde haben wir uns bei 4 Teilnehmenden gespart) von Reinhard Kahl. Der Film porträtiert werdende und bereits bestehende Ganztagsschulen und zeigt deren pädagogische Konzepte. Er deckt Misstände im deutschen Bildungssystem und in der deutschen Pädagogik auf und zeigt anhand der portätierten Schulen wie’s besser geht. Dann ging auch schon der informelle Teil des Abends los…

Am Samstag wurde dann richtig gearbeitet. Der Einstieg war eine Kartenabfrage. Auf grüne Karten sollten die – nach Meinung der Teilnehmenden – Chancen von Ganztagsschule und auf rote Karten die Risiken von Ganztagsschule geschrieben werden. Das Ganze wurde dann aufgehängt und die einzelnen Karten vorgestellt. Spannend war, dass alle das Thema „Soziales Klima“ und „individuelle Förderung“ aufgenommen haben. Viele sahen genau da die Chance von Ganztagsschule.
Die Karten wurden dann geclustert, also Karten mit gleichen Themen zusammengehängt und mit einer Überschrift versehen.

Danach sollte es weitergehen in Arbeitsgruppen – da mir nur 4 Teilnehmende zur Verfügung 😉 standen gab es eben nur eine Arbeitsgruppe, die sich vor allem mit den roten Karten auseinandersetzen und Lösungsvorschläge entwickeln sollte. Das wurde dann über den Mittag und den Nachmittag auch gemacht. Besonders heiß diskutiert wurden hierbei der Umgang mit „null-Bock-Kindern“ und notorischen Störenfrieden, aber auch das Thema der durch die Ganztagsschule angeblich beschnittenen eigenen Freizeit und das Thema Finanzierung.

Die Antworten auf diese Diskussionen holt ihr euch am besten von den Teilnehmenden selbst.

Da uns am Sonntag Vormittag bereits ein Teilnehmer verlassen hat, wurde der Sonntag genutzt um in aller Ruhe zu Frühstücken um dann mit gestähltem Körper den Seminarraum und die Küche aufzuräumen.

Alles in allem war es ein nettes Seminar mit tollen Diskussionen in sehr familiärer Atmosphäre, mit tollen Blick auf den Rheingraben, vielen alten Autos und einer riesen Menge Sonnenschein. Da fragt man sich doch nur noch: „Wo waren denn die vielen Sonneblumen an diesem Wochenende?“

(Stefan Lange)

Wer ist eigentlich Stefan Lange?
Damit ihr euch ein Bild von unserem Referenten machen könnt, haben wir ihn für euch interviewt.

Online-Redax: Du bist schon lange aktiv in der LSV (LandesschülerInnenvertretung) – wie bist du dorthin gekommen / was war ein einschneidendes Ereignis für dich, dich dort zu engagieren?

Stefan: Es gab sowohl eine entscheidende Person als auch ein entscheidendes Ereignis. Die Person, die mich zur SchülerInnenvertretung gebracht hat, war mein alter Klassenlehrer Dr.Erbar. Leider ist er ein verdammt schlechter Pädagoge und ich hab mich ständig mit ihm angelegt. Als er mir dann als Abschluss am vorletzten Schultag vor den Sommerferien ein Tadel wegen wiederholter Aufmüpfigkeit gegeben hat, hab ich den Entschluss gefasst, mich in der SV zu engagieren. Dann ging alles seinen Lauf. Den Tadel hatte ich übrigens knapp 4 Jahre lange eingerahmt über meinem Bett hängen.

Momentan arbeitest du in Berlin in der SJB (Servicestelle Jugendbeteiligung) – welche Ziele verfolgt ihr und was machst du dort genau?

Unser Ziel ist die gesellschaftliche und politische Beteiligung von Jugendlichen. Wir arbeiten mit einem peer – to – peer Ansatz, das heißt unsere Arbeit wird von Jugendlichen für Jugendliche gemacht. Wir in der SJB beraten, qualifizieren, informieren und vernetzen Jugendliche die Projekte machen und sorgen dafür, dass deren Erfahrungen gesichert werden, damit Jugendinitiativen, die Ähnliches vorhaben nicht die selben Fehler nochmal machen müssen, sondern eben andere machen können, von denen dann andere Jugendinitiativen lernen können.

Ich arbeite im Bereich PariS ( Partizipation in Schulen ). Dort bin ich hauptsächlich mit der Umsetzung der Jugendbeteiligung am Programm „Ideen für mehr! Ganztägig lernen.“ beschäftigt.

Warum ist Jugendbeteiligung deiner Meinung nach so wichtig? Ist die mangelnde Beteiligungsmöglichkeit vielleicht ein Grund für das Desinteresse vieler Jugendlicher an Politik?

Viele Jugendliche wissen oft nicht wo, woran und wie sie sich beteiligen können. Unser Ansatz ist es, diese Möglichkeiten aufzudecken und Jugendliche über ihre Beteiligungsmöglichkeiten zu informieren. Allerdings gilt auch: Wo nichts ist, kann man auch über nichts informieren. Vorbild sollte hier Schleswig-Holstein sein, dort ist die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen bei allen sie betreffenden Entscheidungen in der Landesverfassung garantiert. Das sind aber nur die ersten Schritte. Umgesetzt werden muss das Ganze in den Kommunen. Durch altersgerechte Beteiligungsmethoden und ernst gemeinte Beteiligung kann man es schaffen, die ( zurecht ) herrschende Skepsis vor der Politik abzubauen.

Wenn du drei Wünsche für eine andere Schule frei hättest – was würdest du dir wünschen?

Ganztagsschule, da hat man einfach mehr Zeit und Raum für gute pädagogische Ideen.

→ Auflösung der Fächer und Zeitgrenzen, das Stichwort ist vernetztes Lernen. Nur so kann man Probleme und Sachverhalte in aller Komplexität bearbeiten. Sozialkunde ist nicht nur Politik, sondern auch Mathe, Geschichte, Erdkunde, Deutsch usw…

→ Demokratische Schulen. Nur eine Schule, in der SchülerInnen und LehrerInnen auf einer Augenhöhe miteinander und nicht gegeneinander arbeiten, ist eine gute Schule.