19.11.2009

Wer rettet die Welt in Kopenhagen?

– vielleicht kommt das neue Klimaschutzabkommen nicht mal zusammen. Vorverhandlungen scheitern, Umweltschutzorganisationen, Linke und unabhängige Demonstranten rufen zu einer Vielzahl Aktionen auf.

von Alissa Starodub

Kopenhagen, Kopenhagen, von überall her tönt es: Kopenhagen. Was treiben die sonst so ruhigen Dänen nur dort oben im Norden? Es geht um die Welt und darum wie sie zu retten ist. Konkret heißt das, dass sich vom 7. bis zum 18. Dezember dort Delegierte von knapp 180 Nationen zur 15. UN-Klimakonferenz versammeln. Diese dreht sich um die Geburt eines Nachfolgeabkommens für die 2012 auslaufende erste Phase des Kyoto-Protokolls.

Noch 2007 waren die USA weltweit die einzige Industrienation, die sich durch ratifizieren des Abkommens keine verbindlichen Klimaschutzziele auferlegt hatte. Doch warum muss man gerade im Dezember in Kopenhagen die Welt retten? Ganz einfach: Hier ist das Ende der Produktionskette, hier wird das Ergebnis enttäuschender Vorverhandlungen geboren. Die Fakten müssen in Kopenhagen auf den Tisch: Wie retten wir die Welt oder haben wir dies überhaupt vor? Das ist nicht mal metaphorisch gemeint sondern ganz konkret physisch. Die globale Erwärmung muss unter 2°C gegenüber vorindustriellen Werten gehalten werden.

„Dann senken wir doch unsere Emissionswerte!“ – riefen die reichen Industrieländer.

„Und was ist mit unserer wirtschaftlichen Entwicklung? Wir wollen auch so gut leben wie ihr reichen Industrialisierten, die ihr selbst einen ganzen Haufen CO2 ausgestoßen habt noch bevor wir gar über die Möglichkeit verfügt hätten damit anzufangen.“ antworteten die Schwellenländer. Und da fing die ganze Bredouille an. Denn es geht also nicht mehr nur darum die Welt zu retten und unser Klima zu schützen sondern auch um Gerechtigkeit zwischen Arm und Reich, um die Entwicklung von China, Indien, Indonesien und Brasilien; Und darum wie das alles damit vereinbar ist, dass sich der Anteil des Treibhausgases Kohlendioxid auf 350 Teilchen pro Million Teile Luft senkt. Wie es so vorangeht? Afrikanische Delegationen boykottierten die Verhandlungen teilweise und China und Indien wollen schon gar nicht mehr unterschreiben wenn die USA dieses mal nicht auch endlich mitmachen. Dabei ist noch nicht mal sicher wie viele von den 181 Staatsoberhäuptern überhaupt in Kopenhagen persönlich vorbeikommen werden.

Schwierig, nicht wahr? Hinzu kommt noch der internationale Druck von zahlreichen Umweltorganisationen, Erwartungen der Bevölkerung aus Kopenhagen verkündet zu bekommen wie es denn mit uns nun weiterginge und die schiere Notwendigkeit das Eis nicht weiter zum schmelzen zu bringen. Gerade deshalb wurde auch schon so viel verhandelt bevor die eigentlichen Verhandlungen überhaupt los gingen. B-b-beeindruckend: Bonn, Bangkok und gerade eben Barcelona, vom 2. bis zum 6. November. Mit jedem Treffen wird es schlimmer. Nach den unbefriedigenden Ergebnissen aus Barcelona, dem allerletzten Treffpunkt vor der Endrunde, schrieb SPIEGELonline ob denn überhaupt ein Abkommen zustande kommen würde und prognostizierte zusammen mit der SZ gar ein mögliches Scheitern des Klimagipfels. Wollen SPIEGEL und SZ etwa die Erwartungen der UmweltaktivistInnen, die sich Anfang Dezember ebenfalls in der dänischen Hauptstadt einfinden werden, herunter schrauben um immer wahrscheinlicher werdende Wutausbrüche der Protestierenden zu schüren?

Dicke Wolken über Kopenhagen.

Da braut sich ganz schön was zusammen. Wer aufkommende Signale aufmerksam mitverfolgt, ist bestimmt auch sensibel geworden für die Spannung in der Winterluft. „Für ein ganz anderes Klima“ will die linksradikale Initiative FeLS einstehen, die sich zusammen mit umweltpolitischen Organisationen aus Frankreich, Spanien, Finnland, Großbritannien, Deutschland, Nepal, Brasilien, Dänemark, Belgien, Niederlande, Schweden, Nigeria, USA, … auf die ellenlange Teilnehmerliste des internationalen Netzwerks CJA (Climate Justice Aktion) eingetragen hat und nun die Mobilisierung Reclaim Power! unterstützt. Und da heißt es: „(…) wenn die Minister zur UN-Klimakonferenz in Kopenhagen anreisen, wird die Konferenz für einen Tag übernommen und in eine Klimagerechtigkeitskonferenz von unten verwandelt. Die Gruppen, Einzelpersonen und Bewegungen, die hinter Reclaim Power! stehen, werden mit reinem Körpereinsatz auf das Gipfelgelände in Kopenhagen vordringen, ins Gebäude gelangen und die Sitzungen unterbrechen.“  

Auch wer nicht gerade „mit Körpereinsatz“ an das Rednerpult stürmen will kann sich in der Protestbewegung engagieren. Bedeutet die offene Kampfansage der CJA zwar dass mit Ausschreitungen und Polizeigewalt während des Klimagipfels zu rechnen ist, doch muss dies nicht zwangsläufig heißen, dass gemäßigtere UmweltaktivistInnen zu Hause bleiben. Die deutsche Internetheimat der Utopisten stellt auf www.utopia.de unter anderem den Klima-Protestmarsch ehrenamtlicher Greenpeace-AktivistInnen vor, die auf einer dreimonatigen Wanderung von Konstanz nach Kopenhagen Baumsetzlinge an Abgeordnete und BürgermeisterInnen aus einem 500 kg schweren, per Hand gezogenen Materialwagen verteilen. Wer nicht mitwandern will, kann immer noch gemütlich von zu Hause aus zusammen mit Oxfam Emails an Bundeskanzlerin und Umweltminister verschicken.

Und wir hocken in der Vorlesung .

Wen die Vorlesungen nicht bis zum 22. Dezember an der Uni halten und wer schon davor in das mondäne Kopenhagen aufbricht um seinen Protest kund zu tun, kann nicht nur mithelfen die Welt zu retten, sondern hat auch die Gelegenheit im sogenannten freetown Christiania vorbeizuschauen, dessen kommunal bewohntes Territorium im Stadtkern seit 1971 besetzt wird und bei der dänischen Regierung zwischenzeitlich sogar den Sonderstatus „soziales Experiment“ genießen durfte. Unterkommen kann man als AktivistIn in Kopenhagen bei freundlichen Leuten im Dortheavej 61 im Stadtviertel Nørrebro. Der angebotene Schlafplatz befindet sich zwar auf dem sich eines Bettes ermangelnden Boden eines ehemals besetzten Hauses, dafür aber garantiert zwischen Gleichgesinnten.

Alissa Starodub, Jahrgang 1988, ist Verfasserin zahlreicher Lyrik- und Prosatexte sowie zweier Theaterstücke, von denen Come together 2007 uraufgeführt wurde.

Zwischen 2006 und 2008 trat sie mit einem Teil ihres lyrischen Werkes regelmäßig auf die Bühne der Münchener Kiezmeisterschaft, eines deutsch- und englischsprachigen Poetry-Slams. Die in der Ukraine geborene Autorin ging in Deutschland und Frankreich zur Schule, lebte in Wales und studiert heute Publizistik an der Uni Mainz.