Was sich am Sonntag, den 26. Oktober 2014 auf dem halbjährlichen Landesjugendkongress der Grünen Jugend Rheinland-Pfalz (GJ-RLP) in Trier abspielte, war symbolisch und stellvertretend für all jene gesellschaftlichen Kreise, die sich dem Pazifismus verschrieben haben und sich angesichts des grausamen Treiben der Daesh im Nahen Osten – aus sehr verständlichen und teilweise berechtigten Gründen – schwer tun Pazifist*innen zu sein oder diesen Pazifismus zu verteidigen oder zu rechtfertigen. Die Debatte um den Umgang mit dem menschenfeindlichen Terror der Daesh spaltet nicht nur die Weltgemeinschaft, Europa und die Bundesrepublik. Nein, sie spaltet auch die größten pazifistischen Bewegungen und Verbände, zu dessen Kreisen sich auch die GJ-RLP gerne verorten lässt.

Es gestaltet sich im ersten Augenblick sehr schwierig, diese Problematik sachlich, nüchtern und faktenbasiert anzugehen. Es gestaltet sich deshalb so schwer, weil wir alle Menschen sind. Menschen, die emphatisch sind. Menschen, denen es nicht egal ist, was um sie herum geschieht. Es gestaltet sich deshalb so schwer, weil das, was wir sehen, uns den Atem raubt und das, was dort geschieht, uns hochgradig erschüttert, empört und entsetzt. Gerade denjenigen (in-)direkten Betroffenen, die dort ihre Wurzeln und Verwandten haben, gebührt – all unseren pazifistischen Idealen zum Trotz – das größte Mitgefühl, die größte Solidarität und das größte Verständnis für deren Meinung, die sie seit Wochen auf die Straßen tragen.

Für die GJ-RLP ist jedoch klar: jetzt erst recht gilt es einmal mehr, einen klaren Kopf zu behalten, nicht noch einmal so geistesabwesend, emotional, aktionistisch und besessen wie an den Tagen und Wochen nach dem 11.9.2001 zu reagieren und blind um uns zu schießen! Nicht alle, die in diesen Tagen nach Waffenlieferungen und militärischen Eingriffen rufen (oder damals gerufen haben), sind besorgte Pazifist*innen, denen das Wohl der Bevölkerung am Herzen liegt. Nur allzu oft hat uns die Geschichte gelehrt, dass viel mehr dahinter steckt. Eine militärische Beteiligung in diesem Moment wäre nicht nur ein explosiver Präzedenzfall, sondern würde – auch vor dem Hintergrund der angeblich „unterfinanzierten Bundeswehr“ – die Militarisierung der Gesellschaft, die wir als GJ-RLP immer wieder anprangern, Tür und Tor öffnen.

Der Pazifist Eugen Drewermann sagte einmal, dass Kriege keine Lösung seien, sondern eine Krankheit. Wir sollten uns immer bewusst machen, dass kein Konflikt der Welt aus dem Nichts entsteht. Wir sollten uns vergegenwärtigen und eingestehen, dass die Daesh die Konsequenz und die traurige, aber unausweichliche Folge aus einer nahezu endlosen Kette fataler Fehlentscheidungen ist. Entscheidungen, die die GJ-RLP immer energisch und bestimmt kritisiert und abgelehnt hat. Angefangen mit der globalen Kriegserklärung gegen den weltweiten Terrorismus, den Interventionen in Afghanistan und Irak über Waffenlieferungen an syrische Rebellen bis hin zu einer perfiden und hinterhältigen westlichen Außenpolitik, die nicht die Bekämpfung globaler Ungerechtigkeiten, Chaos, Perspektivlosigkeit und Armut anstrebt, sondern eher wirtschaftlichen Interessen dient, hat die (westliche) Weltgemeinschaft viel zu oft nur einen Weg beschritten – den Weg des Terrors, des Krieges und der Gewalt. Mit dem scheinbar (in jeglicher Hinsicht) festgefahrenen und endlos wütenden syrischen Bürgerkrieg und die zunehmende politische Destabilisierung des Irak hat sich in diesem Zerfall jener staatlichen Instanzen im Irak und Syrien eine Bewegung gebildet, deren Bekämpfung alles andere als einfach ist.

Einig war sich die GJ-RLP auch darin, dass tragischerweise genau diese Problematik reichlich Argumente liefert, um die Vereinten Nationen zu stärken, ihr mehr Kompetenzen einzuräumen, damit sie endlich als „Weltpolizei“ agieren könne und nicht – wie in seiner jetzigen Ausgestaltung – durch die nationalen Interessen einzelner Staaten quasi paralysiert, handlungsunfähig und damit obsolet gemacht wird. Es offenbarte sich nicht nur ein Gewissenskonflikt, sondern auch eine Problematik, die alle uns vertrauten Ebenen verlässt und die jeder Positionierung, die wir beziehen, nur eine hauchdünne Rechtfertigungsgrundlage einräumt! Rechtfertigt die Grausamkeit dieser Milizen einen „humanitären“ Krieg und damit die Öffnung einer weiteren nahöstlichen „Büchse der Pandora“? Wie geht Pazifismus überein mit der Verteidigung moralischer Werte und Menschenrechte? Wie glaubhaft sind wir als GJ-RLP, wenn wir unsere pazifistischen Grundwerte über die der Menschenrechte stellen? Darf ein Krieg zum Schutz von anderen Menschen geführt werden? Dieses moralische und praktische Dilemma des Pazifismus offenbarte sich auch bei der GJ-RLP.

Die Grüne Jugend Rheinland-Pfalz weiß: Ein Krieg ist und bleibt ein Krieg. Ein Krieg ist von seinem Wesen her bestialisch, menschenfeindlich und hat immer grausame Züge, die zum Vorschein kommen. Die Diskussion, die an jenem Sonntagmittag entfacht wurde und noch stundenlang hätte weiter gehen können hinterließ auf allen Seiten Spuren.
Sie mündete in einen Konsens, der keine Idee zu 100% erfüllen kann, aber letzten Endes doch eine Konsequente Anwendung des pazifistischen Ideals in einem brutalen Konflikt darstellt. Ein Konsens, der darin besteht, jeglichen diplomatischen und politischen Maßnahmen, die viel zu oft viel zu schnell aufgegeben und vernachlässigt werden, absoluten Vorrang vor militärischen Eingriffen zu gewähren. Ein Konsens, der die Grenzen des Pazifismus aufzeigt und wie ein Stachel im Gewissen aller friedfertigen Menschen sitzt. Ebenso stachelig, wie das junggrüne und stachelige Selbstverständnis der Grünen Jugend Rheinland-Pfalz. Ein Problem, das niemand so recht lösen kann. Ein traurig-dramatisches Dilemma eben..

Eure Webredaktion,

Haureh Hussein, Charlotte Groß