Trotz-Dem 2/2000

Gedanken zum sogenannten „Atomausstieg“ der Grünen nach Karlsruhe
Dipl. Ing. (chem.) Karl-W. Koch

Atomenergie ist nur deshalb eine Alternative, weil sie über Jahrzehnte bis heute hoch subventioniert wurde. Der Steuerzahler zahlt den billigen Atomstrom. Wären die Milliarden, welche bisher in diese Energie gepumpt wurden, den alternativen Energie zugesprochen worden, so wäre heute z.B. Photovoltaikstrom oder Erdwärme zum Preis von Atomstrom zu haben, während letzterer nicht bezahlbar wäre. Zudem wird das auch bei uns von allen Fachleuten zugegebene Risiko eines GAUs (größter anzunehmender Unfall = Kernschmelze) auf die Anwohner verlagert. Die lächerlich Haftungssumme von 500 Millionen DM reicht im schlimmsten Fall nicht ansatzweise aus, wie unten gezeigt wird. Aber von jedem Frittenbudenbesitzer wird eine Haftpflichtversicherung verlangt, die alle denkbaren Schäden abdeckt. Einzig das Atomgesetz läßt per Sonderregelung diese denkwürdige Ausnahme zu.

Wenn auch die bisherigen Anstrengungen der Grünen in der Regierung zu würdigen sind, manche bisher nicht genutzte Möglichkeiten sehen doch sehr nach „Samthandschuhen“ gegenüber den AKW-Betreibern aus. Weshalb die Steilvorlage der Lieferpapierfälschungen von Sellafield nicht postwendend zum (nach Atomgesetz1 rechtlich möglichen) Abbruch der Geschäftsbeziehungen genutzt wurde, ist mir bisher nicht verständlich. Monate zuvor wurde noch „tränenreich“ bedauert, die Verträge mit LeHague und Sellafield seien leider derart „wasserdicht“, dass an einen entschädigungsfreien Ausstieg aus der Wiederaufarbeitung nicht zu denken sei!

Wie sehr die rotgrüne Harmoniesucht von der AKW-Industrie ausgenutzt wird, zeigt sich z.B. an dem Zerplatzen der im Koalitionsrahmen selbst gesetzten Zeitvorgabe. Nach einem Jahr sollte das Dissens-Gesetz vorgelegt werden, falls es bis dahin keine Einigung gäbe. 7 Monaten später ist immer noch nichts passiert. Die rotgrün ausgehandelten 30 Jahre werden selbst von SPD-Seite schon wieder angezweifelt. Wenn es wirklich zu einem Konsens kommen sollte, werden es wohl 32 oder 35 Jahre werden, und sei über der „Trick“, den illegalen Schwarzbau Mülheim Kärlich in die Berechnung mit einzubeziehen. Aber warum sollte die AKW-Industrie überhaupt einen Konsens anstreben? Gegen jedes Gesetz wird definitiv geklagt werden (z.B. von der bayrischen Landesregierung oder einzelnen AKW-Betreibern – völlig egal ob 20 oder 35 Jahre drin steht). Und bis diese Klagen entschieden sind, wird überhaupt nichts passieren. Und mit Glück (bzw. Pech – je nach Standpunkt) ist dann wieder eine atomfreundlichere Regierung an der Macht …! Die 25 Jahre wären laut Rechtsgutachten des BMU übrigens ebenfalls bereits „sicher“ gewesen!

* Karlsruhe – Ausstieg oder Sterbehilfe?
Die BDK in Karlsruhe hat weitgehend den Kurs der grünen Bundestagsfraktion bezüglich der Ausstiegsfristen bestätigt. Für die Atomkraftgegner in der Partei ist die Mehrheitsentscheidung für die „30 + 3 Jahre“ ein herber Rückschlag. Es gab bei den Delegierten eine 46 %ige Minderheit, die diesen Weg nicht mitgehen wollte. Es gibt in der Gesamtpartei m.E. wahrscheinlich sogar eine Mehrheit, die das nicht mitträgt. Dennoch muss die Minderheit als DemokratInnen diese Entscheidung als Zwischenschritt akzeptieren. Die endgültige Entscheidung über das vorzulegende Ausstiegsgesetz ist allerdings von der gesamten Mitgliedschaft per Urabstimmung fällen!

So verständlich z.B. die Austritte der grünen Kreistagsabgeordneten aus Lüchow Dannenberg sind, so sehr schwächen sie bei den weiteren Auseinandersetzungen um den richtigen Weg in der Atompolitik innerhalb unserer Partei die (noch) starke Position der Kritiker. Nicht Austritte sind die Lösung der Stunde, sondern massive Eintritte aller Atomkraftgegner!

Es ist sicher richtig, dass NUR die Grünen die Chance haben, den Atomausstieg umzusetzen. Es ist aber auch richtig, dass die 30 + 3 Jahre kein Ausstieg, sondern eine Bestandsgarantie für die AKW-Betreiber sind. Die Strategie muss daher sein, im Rahmen der Beschlüsse von Karlsruhe den Ausstieg nicht nur per Gesetz schnellstens auf den Weg zu bringen. Die derzeit bereits vorhandenen rechtlichen Spielräume müssen von seiten der Regierung endlich restriktiv genutzt werden. So sind z.B., wie oben erwähnt, endlich die Geschäftsbeziehungen zu den Fälschern von Sellafield abzubrechen, die Haftungsvorsorge der AKW-Betreiber auf realistische Werte zu erhöhen und Castortransporte aufgrund der gefälschten Grundlagendaten bei den Computersimulationen erst nach neuen wirklich ausgeführten Crashtests zuzulassen.

Jürgen Trittin wird an seinen Taten messen, seine Rede von Karlsruhe ist dabei der Maßstab. Solange er seine Worte umsetzt, hat er volle Unterstützung. Wird von ihm, von den Grünen in der Regierung oder der grünen Fraktion der Karlsruher Beschluss allerdings zur Verzögerung oder dem „Aussitzen“ des Problems missbraucht, so stehen die 46 % von Karlsruhe auf der „anderen“ Seiten. Der erste Castortransport setzt dabei die absolute, unverrückbare Grenze – bis zu diesem Zeitpunkt MUSS ein Ausstiegsgesetz verabschiedet sein.

* Warum überhaupt Atomausstieg?
Atomenergie setzt auch im Alltagsbetrieb, beim Transport, bei der Wiederaufbereitung Strahlungen frei. Treffen diese Strahlungen auf lebendes Gewebe oder Organe, so beeinträchtigen sie das genetische Informationssystem der Zelle. Besonders empfindlich sind sich rasch teilende Gewebe wie das Blutbildungssystem, der Magen-Darm Trakt, die männlichen Keimdrüsen und die Haut. Dosisabhängig kommt es zu folgenden Schädigungen:
1. Das akute Strahlensyndrom: Apathie, Erbrechen, Durchfall, Fieber, Entzündungen und je nach Dosis Tod nach 1-2 Wochen, langsamen Sterben oder zögerlicher Erholung. Langfristig hat der Zusammenbruch der Immunabwehr fatale Folgen.
2. Cancerogene Wirkung (Krebsgeschwulste): Der „Bauplan“ der Zelle wird zerstört, sie beginnt zu wuchern. Es ist heute nachgewiesen, dass bereits ein einziger radioaktiver Strahl Krebs auslösen kann, wobei der Körper in der Lage ist, kleine Schäden zu „reparieren“. Mit größerer Häufigkeit von Treffern steigt natürlich auch die Wahrscheinlichkeit, so dass die „Reparaturen“ nicht mehr alle gelingen. An vorderster Stelle steht Leukämie, besonders Kinder haben ein hohes Risiko bereits durch kleine Dosen zu erkranken. Oft werden Krebserkrankungen erst nach Jahrzehnten sichtbar.
3. Genetische Schäden, Mißbildungen und Erbschäden: Das unter 2. Gesagte gilt natürlich auch für Ei- und Samenzellen (Schädigung des Erbgutes – Folgen: Mongolismus, Leukämie, Mißbildungen aller Art). Embryonen, welche Strahlung ausgesetzt sind, sterben ab oder kommen mit Organschäden auf die Welt. (Nach Harrisburg gab es eine deutlich erhöhte Rate an Fehlgeburten genau in der Windrichtung des kritischen Tages.)

* Die Atomenergie hat bereits Tausende von Opfer gefordert!
Tschernobyl
Die Folgen von Tschernobyl bis heute:
* 36.000 km2 der Ukraine sind verseucht;
* direkt betroffen sind 1.800.000 Bürger, darunter 486.000 Kinder und weitere ca. 4.000.000 Bürger in Weißrußland;
* in Weißrußland gingen 70 % des Fallouts nieder. Die Kosten zur ordnungsgemäßen Beseitigung aller Schäden wird auf 350 – 500 Milliarden!) geschätzt.
* 576.000 Menschen erlitten Strahlenschäden;
* 300.000 dieser Menschen sind auf Dauer in ärztlicher Behandlung;
* 198.000 von ihnen waren an den Aufräumarbeiten beteiligt.
* es gab mehr als 10.000 Tote (ANDERE QUELLEN: MEHR ALS 70.000 TOTEN)
* es ist dabei deutlich mehr Jod-131 und Cäsium-137 nach Deutschland gelangten, als nach den Atombombentests der fünfziger und sechziger Jahre.
Windscale/Sellafield
Enthüllungen von 1987 aus Nachlaßdokumenten des damaligen britischen Premiers Harold Macmillan belegen, dass 1957 bei einem Brand in der Anlage auch radioaktives Material betroffen war und in großem Maß Radioaktivität freigesetzt wurde. Der betroffene Reaktor ist noch heute hermetisch abgeriegelt.
* Die Leukämierate im Raum Sellafield bei Kindern liegt um ein Mehrfaches über dem Durchschnitt von Großbritannien.
Tokaimura, 30. September 1999
* 150 Menschen wurden durch fahrlässigen Umgang mit hochradioaktiver Uranlösung verstrahlt, d.h. sie werden entweder gleich oder später an den Folgen der Strahlenkrankheit sterben.

Im Falle eines Tschernobyl vergleichbaren GAUs im dicht besiedelten Deutschland werden Kosten von 10.466.000.000.000 DM für Personenschäden und Sachschäden von 231.000.000.000 DM erwartet. Vergleicht man den verseuchten, dauerhaft evakuierten 30 km Radius um Tschernobyl mit einem entsprechenden Radius um z.B. Biblis, wird die drastisch höhere Schadenssumme nachvollziehbar. (Zur Erinnerung – Versicherungssumme: 500.000.000 DM)
Würden allerdings die theoretischen Versicherungsprämien auf den Strompreis umgelegt, so betrüge dieser ca. 4,- DM/kWh. Dieses ungedeckte Risiko wird auf die Bürger abgewälzt. In der Diskussion um die weitere Nutzung der Atomenergie sollte also nicht die Frage stehen, wieviel dem Bürger der Ausstieg an zusätzlichen Kosten wert sei, sondern vielmehr die Frage, welches finanzielle Risiko dem Einzelnen der Nichtausstieg wert sei!

* Null-Risiko bei Normalbetrieb?
Bei einem Vortrag vor dem IPPNW-Kongress in Kiel am 22.1.2000 setzte sich Dr. Körblein, Umweltinstitut München, mit einer Studie des Mainzer Institutes für Medizinische Statistik und Dokumentation auseinander. Er kommt zu dem Schluss, dass im 5-km-Umkreis um 15 in Betrieb befindliche deutsche AKWs eine deutliche Erhöhung der Krebsrate (bei kleinen Kindern um 53 % allgemein und 76% bezgl. Leukämie) im Bezug auf Vergleichsstandorte zu beklagen ist. Und dies, obwohl die AKWs die ihnen zugebilligten Grenzwerte nicht überschreiten!
(Krümmel – bis heute 11 Leukämiefälle bei Kindern)

* Bei uns ist alles sicher????
Angelika Zahrnt, Bundesvorsitzende des BUND: „Die Behauptungen der deutschen Atommanager über die angebliche Sicherheit westlicher Atomanlagen sind dreiste Lügen. Es wird eben nicht nur in osteuropäischen Atomanlagen gepfuscht, geschlampt und manipuliert. Auch in Hochtechnologie-Staaten wie Japan, Großbritannien, Deutschland, USA und Frankreich sind zahllose Atomunfälle passiert, Unterlagen gefälscht und Leben und Gesundheit der Bevölkerung vielfach gefährdet worden. Gerade die Grünen müssen jetzt deutlich machen: Der Atomausstieg darf nicht aus politischer Rücksicht auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben werden.“ Ergänzend: Die gefälschten Brennstäbe aus Sellafield wurden in Unterweser eingesetzt und Biblis (vertuschter BeinahGAU 1988) liegt auch in Deutschland! Und in Krümmel erkranken Kinder an Leukämie.

* Sog. „Entsorgung“
Der eher konservative Sachverständigenrat für Umweltfragen hält (in seinem Gutachten von Februar 2000), insbesondere wegen der in weiten Teilen ungelösten Entsorgungsproblemen, eine weitere Nutzung der Atomenergie für nicht verantwortbar.
Wir sprechen dabei von weit mehr als 100.000 Jahren Endlagerung! Und obwohl in der Endlagerfrage nichts geklärt ist, wird mit grüner Zustimmung weiter Atomabfall produziert!

* Fazit
Was ist wichtiger, die Gesundheit der Bevölkerung oder der Profit der Betreiber? Besser eine Entschädigung wird in diesem begründeten Fall in Anbetracht des riesigen möglichen Schadens und der gesundheitlichen „Nebenwirkungen“ gezahlt – und damit ein erkennbarer Ausstieg durchgeführt, als die Lösung immer weiter zu verschieben!
1 Atomgesetz §3 Einfuhr und Ausfuhr
(1) Wer Kernbrennstoffe einführt oder ausführt, bedarf der Genehmigung.
(2) Die Genehmigung zur Einfuhr ist zu erteilen, wenn
1. keine Tatsachen vorliegen, aus denen sich Bedenken gegen die Zuverlässigkeit des Einführers ergeben, und …