06.12.2009

„Warum ernährst du dich eigentlich nur von Blättern?“

von Alissa Starodub

– Vegan, Rohkost, Urkost, Sonnenkost, …

Ur- was? Wie die Pilze aus dem Boden scheinen in letzter Zeit alternative Ernährungsformen zu sprießen. Nach BSE und einer Reihe Gammelfleischskandale, die sich seit 2005 durch die Presse zogen, vermehrten sich die Vegetarier zusehends. Kein Wunder, dass jetzt so manch einer auf den Burger verzichtet, konnte man doch ab und an aus Fernsehen und Zeitungen vernehmen, dass wieder mal einige 100 Tonnen verdorbenes oder umetikettiertes Fleisch beschlagnahmt wurden. Dass Essverhalten einen großen Teil unseres Konsumverhaltens bestimmt und dass Konsumverhalten eine der wenigen wirkungsvollen Möglichkeiten der Mitbestimmung ist, die einem durchschnittlichen EU-Bürger gegeben sind, ist seit dem zunehmend an das öffentliche Bewusstsein gedrungen.

Und dies ist vielleicht einer der bedeutendsten Beweggründe für die zunehmende „Radikalisierung“ auf dem Gebiet der Nahrungsaufnahme. Doch wer will was mit welcher Kost erreichen? Und was isst man als Urkostler überhaupt? Ein kurzer unvollständiger Leitfaden durch die Welt alternativer Ernährungsformen aus der Vogelperspektive:

Vegetarisch – „Wir alle haben die gleichen Teile!“

„Wir alle haben die gleichen Teile!“ ist eine Kampagne der Tierrechtsorganisation PETA, einer Schwesterorganisation von PETA USA, die durch Aufklärung der Öffentlichkeit über Tierquälerei zum Vegetarismus aufruft. Treffliche Gründe für diese Position kann man der FAQSektion auf der Homepage der Organisation entnehmen. Dort heißt es zum Thema Vegetarismus: „Moralisch gesehen, sind Handlungen, bei denen andere zu Schaden kommen, keine Sache der persönlichen Entscheidung. Mord, Kindesmissbrauch und Tierquälerei sind unethische Handlungen und nicht eine Frage der persönlichen Wahl. Die heutige Gesellschaft fördert den Fleischverzehr und die Massentierhaltung, aber es gab auch eine Zeit, in der sie Sklaverei, Kinderarbeit und viele andere Praktiken guthieß, die heute global als falsch angesehen werden.“ Doch Vegetarier ist nicht gleich Vegetarier: Ovo-Lacto-Vegetarier verzichten auf Fisch und Fleisch, Lacto-Vegetarier auf Fleisch, Fisch und Eier, Ovo-Vegetarier auf Fisch, Fleisch und Milchprodukte, jedoch nicht auf Eier.

Vegan – keine tierischen Substanzen, kein indirektes Leiden

Man munkelt, die Idee, vegan zu leben, wäre Pythagoras‘ klugem Kopf irgendwann im 6. vorchristlichen Jahrhundert entsprungen. Omnivoren, die freiwillig zu Herbivoren werden, sind also nichts ganz neues, sind auch nicht der neueste Trend oder die neueste Form von „radikal anders sein“. Veganer lehnen, anders als die Vegetarier, konsequent alle tierischen Produkte ab. Das heißt: kein Joghurt, kein Käse, keine Butter, kein Eis und schon gar keine Milch, Eier, Fleisch, … Umstritten ist der Honig als tierisches Produkt. Heißt es zwar auf vielen veganen Foren auch für die Honigsüße müssten Tiere mit ihrem Leben zahlen, halten sich viele Veganer in diesem Punkt jedoch an ihre persönlichen Richtlinien. Apropos Richtlinien: die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) gibt eine Menge davon. Sie heißen „Referenzwerte“ und geben Empfehlungen für eine ausbalancierte Nährstoffzufuhr. Entgegen so mancher kursierender Vorurteile, eine vegane Ernährungsweise könne ja nicht gesund sein, steht die vegane Welt allerdings keineswegs auf Kriegsfuß mit der Ernährungswissenschaft. Warum zum Kuckuck nicht? Ganz einfach: die Eiweißzufuhr wird durch ausgewogenen Verzehr von Hülsenfrüchten, Nüssen und Getreide gewährleistet. Allen voran stehen bei den Hülsenfrüchten natürlich Soja und Sojaprodukte, denn das dort enthaltene Eiweiß ist dem Eiweiß tierischen Ursprungs gleichwertig. An dieser Stelle passt ein Lob an die bayerische Bierbrauerei wie die Faust auf´s Auge: nach dem Reinheitsgebot gebrautes Bier ist nämlich zu 100% vegan.

Vorsicht, umkämpftes Territorium: Rohkost

Als Rohkost wird Nahrung bezeichnet, die vor dem Verzehr nicht erhitzt wird. Konkret heißt das, dass Rohköstler ihre Nahrung weder braten, noch kochen. Kurios ist, dass durchaus nicht alle Rohköstler sich vegetarisch ernähren. Wie funktioniert Rohkost also? Als Faustregel könnte man hier angeben: „Nichts essen was über 40°C erhitzt wurde.“ Was dies für Konsequenzen mit sich brächte, wenn man es durchziehen würde: kein Brot und Gebäck mehr, keine Salzstangen. Aber auch kein Müsli aus der Packung, keine Chips und keine Nudeln. Schon gar keine Schokolade, denn die könnte man ohne Erhitzen niemals herstellen. Es geht noch weiter: Fruchtsäfte, Konservenfutter, Kaffee- und Kakaobohnen sowie Teeblätter werden ebenfalls stark erhitzt. Also auch damit muss als echter Rohköstler Schluss sein. Wenn man nicht gerade auf dem Bio-Bauernhof lebt, ist auch die Milch weg vom Fenster. Denn die wird nicht nur erhitzt, sondern pasteurisiert oder ultrahocherhitzt. Selbiges gilt für die restlichen Milchprodukte. Aus diesen knallhart klingenden Konsequenzen ergibt sich eine erhitzte Debatte um die Rohkost – zu einem großen Teil zwischen den Rohköstlern selbst. So gilt es, einige unterschiedliche Rohkostrichtungen aufzuführen wie etwa Urkost, Sonnenkost und Instinkto.

Back to the roots!

Nun, Urkost ist, wie der Name schon sagt, eine Ernährungsform, die sich ganz nach dem urzeitlichen Speiseplan richtet. Alles „künstliche“ ist somit verboten und dazu gehören auch Salz und Zucker. Da die Urzeitmenschen keine Körnerpicker waren, wird auch Getreide von der Liste gestrichen. Heiße Getränke aller Art hat man sich als Primat auch nicht aufgebrüht, genausowenig wie sich die Zähne mit giftigem Fluor geputzt. Was essen Urköstler also? 75% Obst- und Gemüsefrüchte, 5% Wurzeln/Samen/Insekten und 20% Wildpflanzen/Blätter wie etwa Löwenzahn. Begründet wurde all dies vom Steuerexperten Franz Konz, der auch gleich mit seiner Geschäftspartnerin Brigitte Rondholz den Bund für Gesundheit e.V. ins Leben rief, dessen etwa 10.000 Mitglieder kostenlos die von Konz eigenhändig verfasste Gesundheitsbibel „Der große Gesundheits-Konz“ bekommen, sowie die Vereinszeitschrift “ Das kompromisslose Magazin für UrKöstler, Rohköstler, Veganer, Heilpraktiker und weiterstrebende Vegetarier“.

Reine Obst-Mahlzeiten

Für Sonnenköstler besteht die ideale Mahlzeit tatsächlich aus nur einer einzigen Sorte Obst. Wie viel und wie oft man isst bleibt einem selbst überlassen, denn als echter Sonnenköstler darf man sich schon bezeichnen wenn der eigene Speiseplan sich aus etwa 75% Obst, 20% Gemüse und maximal 5% Nüsse und Samen zusammenstellt. Als Getränk dazu destilliertes Wasser empfiehlt Dr. Norman W. Walker, einer der Gründer der in den USA entstandenen „Natural Hygiene“-Lehre, die in den 80er Jahren nach Deutschland überschwappte und sich fortan als Sonnenkost etabliert hat.

Wenn das Wasser im Mund zusammenläuft …

Auch in der Rohkostform Instinkto wird zu einer Mahlzeit jeweils ein Lebensmittel roh verzehrt. Wie auch hier der Name sagt: man isst, worauf man Lust hat. Am Besten entscheidet man sich nach Bauchgefühl, wenn man beim Durchstreifen von Wald und Feld oder eben am Küchentisch auf ein Lebensmittel stößt, dass einem das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt. Der Körper weiß, was für einen gut ist, und von ihm lässt sich ein Instinktköstler auch leiten… selbst wenn es ihn dazu führt, rohes Fleisch zu verzehren, was unter praktizierenden Instinktköstlern durchaus vorkommt, denn Instinkto schreibt einem nicht vor, von was man sich ernähren soll – Hauptsache es ist roh und appetitlich. Gegründet hat diese Ernährungsrichtung 1964 G.C.Burger, dessen Frau unerwartet an Krebs verstarb – als Folge von zu häufigem Verzehr rohem Schweinefleischs.

Ab und an gibt es Kritik von außen, der DGE äußert sich gegen Rohkost und Studien werden mit erhobenem Zeigefinger veröffentlicht. Eine davon ist die Gießener Rohkoststudie von 1996 bis 1998, die den Gesundheitsstatus von Rohköstlern untersuchte und als ihr Endergebnis veröffentlichte, dass 57% der Studienteilnehmer Untergewicht hatten, ein Drittel der Frauen unter 45 Jahren an Amenorrhoe litten und die Zufuhr an Calcium, Zink, Eisen, Iod, Vitamin D und Vitamin B12 deutlich mangelhaft war. Die Gießener Studie steht jedoch in der Kritik, da bei der Auswertung Normwerte als Richtlinie herangezogen wurden, die aus der durchschnittlichen, nicht rohköstlichen Bevölkerung gewonnen wurden. Sonderbar ist dennoch, dass Rohköstler von sich sagen, dass sie fitter sind, nach den Mahlzeiten niemals müder, sondern voller Energie, kein Sodbrennen kennen und kaum krank werden. Würde einem Rohkostler auch nur ein kleines Landgut zur Verfügung stehen, so könnte er sich mit Leichtigkeit zu 100% biologisch und nachhaltig ernähren. Insofern gilt: Rohkostler plus Garten ergibt Nachhaltigkeit im Einklang mit der Natur.

Alissa Starodub, Jahrgang 1988, ist Verfasserin zahlreicher Lyrik- und Prosatexte sowie zweier Theaterstücke, von denen Come together 2007 uraufgeführt wurde.

Zwischen 2006 und 2008 trat sie mit einem Teil ihres lyrischen Werkes regelmäßig auf die Bühne der Münchener Kiezmeisterschaft, eines deutsch- und englischsprachigen Poetry-Slams. Die in der Ukraine geborene Autorin ging in Deutschland und Frankreich zur Schule, lebte in Wales und studiert heute Publizistik an der Uni Mainz.