Gerechte Auslese

Eine „Bildungsoffensive“ will Bundesbildungsministerin Annette Schavan starten. Laut einem Interview im Tagesspiegel hat Schavan dabei vor allem zwei Ziele im Blick: einheitliche Schulbücher und die Beibehaltung der Hauptschule.
Die CDU ist gerade bei der Bildungspolitik immer äußerst inkonsequent. Auf der einen Seite verteufelt sie die sogenannte „Vereinheitlichung“ des Bildungssystems durch Gesamtschulen und möchte so wenig Zentralisierung wie möglich. Auf der anderen Seite fordert sie lautstark die Einführung des Zentralabiturs und nationale Bildungsstandards. Ist das denn keine Vereinheitlichung???

Zur Hauptschule sagt Schavan in dem Interview:

Wer eine Hauptschule besucht, muss so lernen können, dass sie oder er bei entsprechender Leistung auch den mittleren Abschluss machen kann und weitere Ausbildungswege offenstehen. Das muss überall in Deutschland möglich werden. Davon hängt ab, ob die Hauptschule akzeptiert wird. Sie darf nicht zur Sackgasse gemacht werden.

Dabei ist die Hauptschule heute schon eine Sackgasse. Das gegliederte Schulsystem in Deutschland reicht noch bis ins 19.Jahrhundert zurück und spiegelt gesellschaftliche Verhältnisse wider, die es heute so nicht mehr gibt. Die klassischen Berufszweige, für die die Hauptschule die SchülerInnen vorbereiten sollte, fallen immer öfter den technischen Rationalisierungen zum Opfer und infolge des Wandels der Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft werden gerade akademische Berufe in Zukunft immer wichtiger und zahlreicher. Es gibt keine Studie, die das dreigliedrige Schulsystem bisher positiv evaluiert hätte, gerade die PISA Studie hatte ja bewiesen, dass Deutschland in der Frage der sozialen Gerechtigkeit massiv hinterherhinkt. Zudem mahnte auch jüngst wieder UN-Sonderbotschafter Munoz, dass Deutschland endlich das dreigliedrige Schulsystem aufgeben solle. Aber die CDU will von so etwas nichts wissen. Beharrlich hält sie fest an dem gegliederten System, um einerseits ihrer politischen Klientel gerecht zu werden und andererseits gesellschaftliche Hierarchien zu festigen.

Doch selbst aus der Wirtschaft kommt Kritik. In einem schon etwas älteren Interview hatte z.B. auch Hans-Werner Sinn, Chef des Instituts für Wirtschaftsforschung, sich negativ über das deutsche Schulsystem ausgelassen und gesagt:

Deutschland selektiert seine Schüler für die drei Schulformen bereits im Alter von zehn Jahren, während praktisch alle anderen Länder sie über die Pubertät hinaus, also bis zum Alter von etwa 14, 15 Jahren, zusammenhalten und erst dann aufteilen. Und das meistens auch nur so, dass einige Schüler die gemeinsame Schule früher verlassen als andere. Die frühe Selektion maximiert den Einfluss der Eltern und minimiert die Bedeutung der tatsächlichen Begabung der Kinder.

Noch immer hat ein Akademikerkind eine fast siebenmal so große Chance, auf eine höhere Schule zu kommen, wie ein Facharbeiterkind. Besonders benachteiligt sind die Kinder der Ausländer. 40 Prozent der deutschen, aber nur 18 Prozent der ausländischen Schüler gehen auf das Gymnasium. Jeder zweite ausländische Schüler, genau 49 Prozent, besucht eine Haupt- oder Sonderschule, von den deutschen Schülern nur jeder fünfte (21 Prozent).

Mit der Föderalismus Reform hatte sich Schavan vor einem Jahr selbst ins politische Abseits gedrängt. Eigentlich müsste man das Wort „Bildung“ aus ihrem Kompetenzbereich ausklammern, da sie de facto keine Einflussnahme mehr nehmen kann auf die Bildungspolitik. Und trotzdem verkörpert gerade sie eine gesellschaftliche Meinung betreffend der Bildungspolitik, die wirkliche emanzipierte Reformen verhindern. Mit einheitlichen Schulbüchern wird Schavan jedenfalls nicht der sozialen Schieflage im deutschen Bildungssystem gerecht.

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