Ein junger Mann mit kurzen, schwarzen Haaren und einer rahmenlosen Brille, gekleidet in Jeans und Kragenpullover, sitzt auf einer Parkbank und erzählt von sich. Ali Isfahani* ist im Iran geboren. Er stammt aus bürgerlichen Verhältnissen, beide Elternteile waren beim Staat angestellt – und RegierungsgegnerIn. Seine schiitischen Eltern sind Anhänger des 2009 verstorbenen iranischen Großayatollas Hossein Ali Montazeri, der Zeit seines Lebens die iranischen Menschenrechtsverletzungen anprangerte. Bereits vor den großen Protesten nach den Wahlen 2009 waren sie aus Religiosität und ihrem Glauben an Menschenrechte gegen die Regierung aktiv. So verteilten sie Flugblätter und diskutierten näheren Freundes- und Verwandschaftskreis. Die fünfköpfige Familie wird eines Morgens im eigenen Haus von Polizisten überrascht, die Eltern festgenommen, die Kinder zu den Großeltern gebracht.

Alis Hände verkrampfen, er wird unruhig, während er davon erzählt, wie seine Mutter, die nach 15 Tagen Haft freigelassen wurde, mit gesammelten Ersparnissen einen Schlepper bezahlt. Der Schlepper, also ein Mann, der dafür bezahlt wird, Menschen illegal von einem Land in ein anderes zu transportieren,  bringt sie und ihre drei Kinder mit gefälschten Papieren in einem Linienflugzeug nach Frankfurt am Main – alle offiziellen Papiere wurden von den iranischen Behörden eingezogen und ein Ausreiseverbot erteilt, was ihr keine Wahl ließ. In Deutschland angekommen nimmt der Schlepper der Familie die Papiere ab und überlässt sie einem befreundeten Iraner, der sie in seinem Kleinwagen in das in Trier gelegene Amt für „Flüchtlinge und Migranten“ bringt.

Nach kurzem Überlegen greift Ali in seine Tasche und zieht sein Portemonnaie hervor, welchem er seine Aufenthaltsgestattung, einen großen, lila, türkis und grün gefärbten Zettel, entnimmt. Während des Anhörungsgespräches in Trier, einem formalen Prozedere, das jedeR Asylsuchende über sich ergehen lassen muss, wurde nach seiner Geburtsurkunde und seinen Papieren gefragt. Er deutet mit einem verbitterten Blick auf den kleinen Zusatz, der mit starren Buchstaben auf die Aufenthaltsgestattung gedruckt ist: „Die Angaben zur Person beruhen auf den eigenen Angaben des Inhabers.“

„Laut diesem Zettel ist es nicht sicher, ob ich Ali bin, ob ich 17 Jahre alt bin und ob ich tatsächlich Iraner bin. Ich bin quasi heimatlos. Und ohne Heimat bist du nichts“, sagt er, die Entschiedenheit seiner Worte lässt keinen Augenblick daran zweifeln, wie ernst es ihm mit dem Gesagten ist.Im Anschluss an die Befragung wohnte die Familie für einen Monat im AsylantInnenheim in Trier zusammen mit anderen Asylsuchenden. In einem Raum, eingerichtet mit einem Tisch, mehreren Stühlen und drei Hochbetten, lebten Ali und seine Angehörigen nun. „Ich habe sofort angefangen, Deutsch zu lernen“, erzählt Ali, der zu diesem Zeitpunkt zwar fließend Englisch, aber kein Wort Deutsch spricht. „Eine auf ehrenamtlichem Engagement beruhende Organisation ermöglichte mir das. Ich war um die Beschäftigung sehr froh, da es sonst nichts zu tun gab.“ Da der deutsche Staat es nicht möchte, dass Asylsuchende bleiben, werden von staatlichen Stellen her keine Sprachkurse angeboten. Auch einen Fernseher, um Informationen über die Außenwelt zu erhalten, mussten sich die Isfahanis über eine Bekanntschaft in Deutschland in das AsylantInnenheim bringen lassen. Von 37,60€ pro Woche lebte die Familie in dieser Zeit, Essen und sanitäre Anlagen wurden gestellt.

Auf die Frage hin, ob er wieder zurück in den Iran wolle, zieht er den rechten Ärmel seines Pullovers hoch und enthüllt ein grünes, ausgefranztes Band, das um seinen Arm gebunden ist. „Zum Gedenken an die, die Während der Proteste getötet und inhaftiert wurden“, erklärt er mir und zupft einen Ärmel wieder zurecht. „Ich würde sehr gerne wieder in meine Heimat zurück, ich sehne mich nach meiner Familie. Aber bei der momentanen politischen Lage ist es für mich unmöglich, in den Iran einzureisen; wir würden wahrscheinlich direkt inhaftiert werden.“

Vor 18 Monaten schließlich wurde Ali einem Landkreis zugewiesen. Hier lebt er nun zusammen mit seinen beiden Schwestern und seiner Mutter von 600€ pro Monat. Arbeiten dürfen die Isfahanis nicht – während ihr Antrag auf Asyl bearbeitet wird, ist ihnen ein striktes Arbeitsverbot auferlegt. „Anfangs fiel es mir schwer, mich zurechtzufinden. Während den ersten Wochen, in denen ich noch kein gutes Deutsch sprach, versuchte ich, mich auf Englisch zu verständigen. Ganz simple Fragen nach der Sparkasse oder bestimmten Plätzen wurden mit einem „I don’t speak english“, wenn ich denn überhaupt Antwort erhielt, abgetan. Ich fühlte mich in dieser Zeit sehr schlecht.“, erinnert er sich. Von da an ging es aufwärts: Ali stellte sich dem Direktor eines Gymnasiums vor – und bekam für das nächste Halbjahr einen Schulplatz. Zurzeit hat er seinen Realschulabschluss mit einem Schnitt von 2,5 in der Tasche und gibt Nachhilfe in Englisch. In 2 Jahren wird Ali sein Abitur in Englisch, Mathe und Chemie schreiben. Das Asylgesuch der Familie Isfahani wurde eine Woche bevor das Interview geführt wurde akzeptiert.

* Name von der Redaktion geändert