biodiversity

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von Larissa Hauer

 

Der 22. Mai ist der Internationale Tag der Biologischen Vielfalt, auch Biodiversität genannt. Dieses Jahr steht er unter dem Motto „Biodiversität für Entwicklung und Armutsbekämpfung“. Das Jahr 2010 wurde von den Vereinten Nationen sogar zum Jahr der Biologischen Vielfalt ausgerufen. Was also steckt eigentlich hinter dem Begriff Biodiversität, und warum ist sie wichtig? Und was hat das Ganze mit Armutsbekämpfung zu tun?

 

 

Was ist Biodiversität?

Biodiversität beschreibt die Vielfalt allen Lebens auf der Erde, vom einfachsten Gen eines Bakteriums bis hin zu komplexen Ökosystemen wie dem tropischen Regenwald. Sie umfasst drei Hauptebenen: die Vielfalt innerhalb der Arten (genetische Vielfalt), die Vielfalt zwischen den Arten (Artenvielfalt) sowie die Vielfalt der Ökosysteme (d.h. der Lebensgemeinschaften, Lebensräume und deren Wechselwirkungen).

Warum ist Biodiversität wichtig?

Ein Argument zur Bewahrung der biologischen Vielfalt ist schlicht der Eigenwert der Natur, deren inhärenter Bestandteil die Vielfalt an Lebewesen, Lebensräumen und deren Wechselwirkungen ist. Diese Sichtweise schlägt sich sogar im Bundesnaturschutzgesetz nieder, in dem die Sicherung von „Vielfalt, Eigenart und Schönheit“ der Natur als Ziel genannt wird.

Von einem anthropozentrischen Blickwinkel aus stellt die biologische Vielfalt die Lebensgrundlage der Menschen dar. Intakte und stabile Ökosysteme stellen eine Vielzahl von „Dienstleistungen“ zur Verfügung – beispielsweise liefern sie Rohstoffe wie Holz, sorgen für die Filterung von Luft und Wasser, schützen vor Erosion und Hochwasser und erhalten Nährstoffkreisläufe aufrecht. Insbesondere die Speicherung von Kohlenstoff in Böden und Pflanzen ist eine Ökosystemdienstleistung, die ein Baustein im Kampf gegen den Klimawandel sein kann.

Die offensichtlichste Abhängigkeit der Menschen von der biologischen Vielfalt besteht wohl bei der Produktion von Nahrung. Die Komponenten der biologischen Vielfalt, die für den Bereich Ernährung und Landwirtschaft wichtig sind, werden unter dem Stichwort Agrobiodiversität zusammengefasst. Dazu gehört die genetische Vielfalt innerhalb der Nahrungsmittel. So gibt es von den meisten Grundnahrungsmitteln mehrere tausend Sorten, beispielsweise etwa jeweils 5000 Kartoffel- und Maissorten. Weitere Dienstleistungen in Agrarökosystemen sind z.B. die Bereitstellung von Bodenfruchtbarkeit durch eine intakte Bodenlebensgemeinschaft (Mikroorganismen, Regenwürmer, Pilze etc.), die Bestäubungsleistung durch Insekten oder die Regulierung von Schädlingen.

Die Landwirtschaft ist die Lebensgrundlage der Mehrheit der Menschen in den Entwicklungs- und Schwellenländern. So sind z.B. in Burkina Faso 92% der ArbeitnehmerInnen im Sektor Landwirtschaft und Fischerei beschäftigt. Die Bedürfnisse dieser Menschen hängen zu einem Großteil von biologischen Ressourcen ab – für Nahrung, Treibstoff, Medizin, Schutz und Transport. Die Züchtung von trockenresistenten Getreide- und Gemüsesorten und eine nachhaltige Landwirtschaft ohne Abhängigkeit von großen Dünger- und Saatgutlieferanten wird entscheidend für eine Anpassung an den Klimawandel sein. Deshalb ist der Erhalt der biologischen Vielfalt ein Schlüssel zur Bekämpfung der weltweiten Armut.

Aktueller Status

Die Biodiversität nimmt weltweit kontinuierlich ab. Schätzungen zufolge sterben täglich 130 Arten aus. Eine der größten Bedrohungen für die biologische Vielfalt ist der Verlust an Lebensraum durch großflächige Zerstörung, Verkleinerung und Zerschneidung. Weitere, teils damit zusammenhängende Ursachen sind Umweltschäden wie die Verschmutzung der Luft oder der Meere, die Übernutzung natürlicher Ressourcen (z.B. durch Fischerei), die Klimaerwärmung sowie die Einwanderung gebietsfremder Arten.
Der größte Teil der Zerstörung findet in Schwellenländern statt. Gerade dort ist die biologische Vielfalt häufig besonders hoch (vgl. Grafik). Durch Ausbeutung der Rohstoffe dieser Länder und den Konsum daraus hergestellter Produkte sind die Industrieländer zu einem Großteil für diese Zerstörung verantwortlich.
Die Gesamtzahl der Arten hat zwischen 1970 und 2000 um 40 Prozent abgenommen. In Deutschland sind von 16.000 untersuchten Tierarten (es gibt insgesamt in etwa drei Mal so viele) über ein Drittel, je nach betrachteter Artengruppe auch deutlich mehr, und von rund 14.000 Pflanzen- und Pilzarten über ein Viertel bedroht. Mehr als zwei Drittel der Lebensräume wie Moore, Auen, Wiesen und Buchenwälder sind durch Zersiedelung und intensive Forst- und Landwirtschaft gefährdet. Bedroht sind auch viele seltene Obst- und Gemüsearten.

Der Verlust an Arten wirkt sich natürlich auch auf die anderen Ebenen der Biodiversität aus. Die Verkleinerung von Populationen durch den Verlust von Lebensraum oder durch Zerschneidungseffekte geht meist mit einer genetischen Verarmung einher. Das kann beispielsweise dazu führen, dass die Tiere oder Pflanzen weniger widerstandsfähig gegen Krankheiten sind, oder dass lokale Anpassungen an den Standort verloren gehen. Eine genetische Verarmung kann also die Überlebensfähigkeit der Art gefährden.

Gerade um den Veränderungen durch den Klimawandel gewachsen zu sein, wäre aber ein möglichst großer Genpool von Vorteil. Stirbt die Art schließlich (lokal oder komplett) aus, ist auch die Ebene des Ökosystems betroffen, denn diesem geht die Art verloren. Die Auswirkungen können unterschiedlich sein, je nachdem welche Rolle die Art in dem Ökosystem gespielt hat. Es ist möglich, dass die Art durch eine andere mit ähnlichen Ansprüchen ersetzt wird – es gibt jedoch auch Schlüsselarten, durch deren Verschwinden andere Arten ihrer Existenzgrundlage beraubt werden. Die Konsequenzen des Verschwindens einer Art sind oft wissenschaftlich nicht voraussagbar, da die Wechselwirkungen in Ökosystemen sehr komplex sind – ein Grund mehr, diese komplexen Systeme zu schützen, unabhängig davon, ob ein direkter Nutzen für die Menschen nachweisbar ist.

Verträge und deren Umsetzung…

Die Konferenz der Vereinten Nationen in Rio 1992 (United Nations Conference on Environment and Development, UNCED) bringen die Meisten wahrscheinlich mit der Klimarahmenkonvention in Verbindung, die die Grundlage für das Kyotoprotokoll und die regelmäßig stattfindenden Klimagipfel bildete. Doch auch die Biodiversitäts-Konvention (Convention on Biological Diversity, CBD) wurde hier verabschiedet und trat am 29. Dezember 1993 in Kraft. Die Konferenz in Rio gilt daher als Meilenstein der globalen Umweltbemühungen. Seit dem Jahr 2000 ist der 22. Mai, der Tag der offiziellen Annahme des Textes der Konvention, als internationaler Aktionstag festgelegt. 192 Länder und die Europäische Union haben die Konvention bis dato unterzeichnet.

Die Biodiversitätskonvention verfolgt folgende Ziele:

  • die Erhaltung der biologischen Vielfalt

  • die nachhaltige Nutzung ihrer Bestandteile

  • der gerechte Vorteilsausgleich aus der Nutzung der genetischen Ressourcen

Alle zwei Jahre finden Biodiversitäts-Konferenzen der Unterzeichnerstaaten der Konvention statt, vergleichbar mit den Klimagipfeln. Die letzte COP (Conference of the Parties) fand 2008 in Bonn statt. Im Jahr 2002 wurde das Ziel beschlossen, bis zum Jahr 2010 einen signifkanten Rückgang der Biodiversitätsverluste zu erreichen. Dieses 2010 Biodiversity Target wurde auch in die UN-Millenniumsziele übernommen. Doch die bisherigen Ergebnisse dieser vielfachen offiziellen und inoffiziellen Treffen, Verhandlungen, vollmundigen Zielformulierungen und Versprechen erinnern in verdächtiger Weise an die bisherigen Bemühungen zur Bekämpfung des Klimawandels: die dritte Ausgabe des Global Biodiversity Outlook, die gerade erschienen ist, stellt den Vertragsstaaten kein gutes Zeugnis aus. Trotz einiger Fortschritte auf lokaler bzw. regionaler Ebene wie der Ausweisung weiterer Schutzgebiete oder dem Schutz spezieller Arten, die ohne den durch die Formulierung der 2010-Ziele erzeugten Druck vermutlich nicht zustande gekommen wären, wurde keines der elf für 2010 angestrebten Ziele komplett erreicht. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse kann hier heruntergeladen werden.

Beim diesjährigen Biodiversitäts-Gipfel, der COP10 im Oktober in Nagoya, Japan, werden sich die Unterzeichnerstaaten dem katastrophalen Scheitern der 2010-Ziele stellen müssen.

Quellen und weiterführende Informationen:

http://www.cbd.int

http://www.bioversityinternational.org/

http://www.dgvn.de/biodiversitaet.html

http://www.bmu.de/naturschutz/biologische/vielfalt/aktuell/1738.php

http://www.bund.net/bundnet/themen_und_projekte/biologische_vielfalt/